Kein Wunder an der Marne

Warum und wie der Plan des Alfred Graf von Schlieffen scheiterte.

  • Kurt Pätzold
  • Lesedauer: 5 Min.

Zu den Begriffen, mit denen deutschen Schülergenerationen Bilder vom Ersten Weltkrieg eingeprägt wurden, gehörte nächst dem »Augusterlebnis« das »Wunder an der Marne«, ein gleichsam mysteriöses Ereignis.

Am Tage der Kriegserklärung an Frankreich, am 3. August 1914, fielen deutsche Truppen in das Großherzogtum Luxemburg und das Königreich Belgien ein, beider Neutralität missachtend. Das völkerrechtswidrige Vorgehen folgte einem Feldzugsplan, der vorsah, das Territorium der beiden Nachbarstaaten rasch zu durchqueren, in breiter Front in Nordfrankreich einzudringen, Paris erst westlich zu umgehen und dann zu erobern. Danach würden die verbleibenden feindlichen Armeen in Frankreichs Mitte in eine Umklammerung geraten und vernichtet werden können. Rascher noch als 1870 sollte die Kapitulation des »Erbfeindes« erzwungen werden, so dass eigene Armeen zum Transport an die Ostfront frei würden.

Dieses Konzept war unter dem Chef des Generalstabes der kaiserlichen Armee, Alfred Graf von Schlieffen, 1905 ausgearbeitet worden. Der Spross eines pommerschen Adelsgeschlechts, schon als 30-Jähriger mit Generalstabsarbeiten befasst, hatte Kriegserfahrungen auf den Schlachtfeldern von 1866 und 1870/71 gesammelt. Er war, pensioniert, im Jahr vor Weltkriegsbeginn verstorben. So blieb ihm das »Septembererlebnis« des Scheiterns seines Vorhabens erspart. An das Debakel, das so etwas wie ein Omen für die vier Jahre später eingestandene Kriegsniederlage Deutschlands wurde, knüpften sich noch Jahre nach Kriegsende Kontroversen von Militärs und Historikern. Dabei war schon dem Konzept anzusehen, dass sich in ihm Stärke- und Schwächebewusstsein mischten.

Schlieffens Nachfolger, der einem mecklenburgischen Adelsgeschlecht entstammende Helmuth von Moltke, hatte den Kriegsplan, weil er ihm zu abenteuerlich anmutete, in einem Punkte geändert. Er verstärkte die deutschen Truppen an der Front entlang der deutsch-französischen Grenze, womit ein gegnerischer Vorstoß nach Baden, in das Saarland und die Pfalz verhindert werden sollte. Doch nicht diese Modifikation, sondern allzu kühne Kalkulationen, die schon die Urfassung enthielt, ließen den Schlieffen-Plan binnen weniger Wochen Makulatur werden. Ein Wunder musste sich gar nicht zutragen.

Die Deutschen indes erfuhren in offiziellen Heeresberichten von den Erfolgen ihrer Armeen, lasen die Namen eroberter Städte, hängten Fahnen aus Fenstern, tranken auf die Tapferen an den Fronten, und Pastoren dankten in Sonntagspredigten Gott für die bescherten Siege. Ankündigungen wie »München - Metz - Paris« und »Weihnachten wieder zu Hause«, die Rekrutierte an Eisenbahnwaggons schrieben, schienen eingelöst zu werden. Deutsche Truppen standen 50 Kilometer vor der französischen Hauptstadt, aus der die Regierung nach Bordeaux floh. Das französische Heer wich zurück, aber es wankte nicht.

Was inzwischen aus dem deutschen Heer geworden war, wussten nur die inmitten der Ereignisse Stehenden wie Moltke: »Wir haben in der Armee kaum mehr ein Pferd, das noch eine andere Gangart als Schritt gehen kann.« Dahinter stand die Sorge um die Kampffähigkeit der Truppen, die von Nachschub, Verpflegung, Munition und Zugpferden abhing. Zwar waren die sechs Wochen, die im Kriegsplan bis zum entscheidenden Sieg vorgesehen waren, noch nicht vergangen, doch die physischen Kräfte der Eindringlinge, die Tagesmärsche von 40 Kilometern bewältigen mussten, hatten sich weitgehend erschöpft. Am 5./6. September begann die Gegenoffensive französischer Truppen. Sie traf auf eine nicht mehr geschlossene deutsche Front.

Am 13. September 1914 teilte die Oberste Heeresleitung mit: »Auf dem westlichen Kriegsschauplatz haben die Operationen, über die Einzelheiten heute noch nicht veröffentlicht werden können, zu einer neuen Schlacht geführt, die günstig steht. Die vom Feinde mit allen Mitteln verbreiteten für uns ungünstigen Nachrichten sind falsch.« Eine dreiste Lüge. Die deutschen Truppen zogen sich von der Marne zur Aisne zurück, was mehr als die Preisgabe eines unbedeutenden Gebietsstreifens war. Es bewahrheitete sich, was Moltke nahezu ein Vierteljahrhundert zuvor im Reichstag gesagt hatte: Ein kommender Krieg zwischen Großmächten würde nicht in einer Schlacht à la Leipzig 1813, Waterloo 1815, Königgrätz 1866 und Sedan 1870 entschieden, sondern in einem jahrelangen Messen auch der industriellen Kräfte. Warnend hatte er an den Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg erinnert. Diese Perspektive eröffnete sich, als sich Soldaten beiderseits der deutsch-französischen Front eingruben und der Stellungskrieg begann.

Hierzulande mochte sich vor dem 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges kaum jemand vorgestellt haben, dass in der Wissenschaft erneut diskutiert werden würde, wie das Desaster an der Marne hätte verhindert werden können. Nicht ein Militärhistoriker, sondern ein Politikwissenschaftler, Professor an der Berliner Humboldt-Universität und Liebling der Medien, kam auf den Trichter: Es wäre der Schlieffen-Plan doch gelungen, meint Herfried Münkler, würden den Deutschen nicht drei Armeekorps gefehlt haben. In Zahlen: etwa 30 000 Muschkoten. Die hätten sich leicht rekrutieren lassen. Das sei aus zwei Gründen unterblieben. Es hätte die Ausweitung des Heeres eine größere Zahl von Offizieren erfordert und die hätte der Adel nicht stellen können. Bürgerliche Bewerber wurden nicht akzeptiert. Zudem: Ein größeres Herr hätte auch ein zahlenstärkeres Unteroffizierskorps benötigt und dies wiederum den Zugriff auf Kandidaten aus der Arbeiterschaft verlangt. Die aber wären wegen der Agitation der Sozialdemokratie als nicht vollends verlässlich angesehen worden. So waren es in dieser Logik zwei Faktoren, die das »Wunder« an der Marne verursachten: der Hochmut das Adels, der seine Monopolstellung im Heer nicht preisgeben wollte, und die Umtriebe der Sozialdemokratie. Derart lässt sich trefflich an Tatsachen vorbei fantasieren - jenseits der Frage, ob der Sieg des deutschen Imperialismus denn wünschenswert gewesen wäre.

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