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Recht auf Nahrung harrt der Realisierung

Anlässlich des Welternährungstages fordern Nichtregierungsorganisationen mehr Förderung für Kleinbauern

  • Von Josephine Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.
Was hat sich in den letzten zehn Jahren im Kampf gegen den Hunger getan? Mehrere Nichtregierungsorganisationen ziehen eine gemischte Bilanz.

Wie kann man die dramatischen Ausmaße des weltweiten Hungers für Bewohner der nördlichen Hemisphäre begreifbar machen? Oft versucht man es mit Zahlen. Laut der neusten Schätzung der UN-Ernährungsorganisation FAO hungern weltweit 805 Millionen Menschen. Das ist ungefähr jeder zwölfte Erdenbewohner und mehr als die Einwohnerzahl Europas. »Hinter jeder einzelnen Zahl verbirgt sich eine menschliche Katastrophe«, sagt Carolin Callenius, Referentin beim evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt.

Dabei sollte man nicht nur Bilder von abgemagerten Kindern mit aufgeblähten Bäuchen mit der Not in Entwicklungsländern assoziieren. Der Hunger hat viele Gesichter. Neben dem akuten, chronischen Hunger, gibt es den »stillen Hunger«. Betroffen sind davon laut Schätzungen zwei Milliarden Menschen, die zwar genug Kalorien zu sich nehmen, aufgrund eines Mangels an Vitaminen und Mineralstoffen jedoch gesundheitliche Schäden erleiden.

Anlässlich des Welternährungstags am 16. Oktober ziehen Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN gemeinsam Bilanz über das, was sich im Kampf gegen den Hunger bisher getan hat. Seit dem Inkrafttreten des UN-Sozialpaktes im Jahr 1976 ist das Recht auf Nahrung international anerkannt - 162 Staaten haben den Pakt ratifiziert. 2004 wurden von der FAO freiwillige Leitlinien verabschiedet. Doch wie wurde dieser »Werkzeugkasten für Staaten zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung« (Callenius) in den einzelnen Staaten genutzt?

Dieser Frage widmet sich das von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen herausgegebene »Jahrbuch zum Menschenrecht auf Nahrung 2014«, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Callenius konstatiert einen Paradigmenwechsel: Hungerleidende Menschen würden heute nicht mehr als Bittsteller gesehen, deren Problem man mit wohltätiger Hilfe überwinden könne. Menschen würden heute als »Rechtsträger« gesehen. In den Mittelpunkt der Diskussion trete damit auch die politische Marginalisierung hungernder Menschen. Ein Blick in die Praxis einzelner Staaten zeige zudem: Es gibt viele Positivbeispiele, die anderen Ländern den Weg weisen können. So haben 20 Staaten, darunter Kenia, die Schweiz und Brasilien, das Recht auf Nahrung in ihrer Verfassung verankert. In Indien hat das Verfassungsgericht ein warmes Mittagessen in Schulen durchgesetzt. Und in Brasilien erhalten die Gemeinden finanzielle Unterstützung vom Staat, um allen Schülern ein kostenloses Mittagessen zu ermöglichen. Voraussetzung ist, dass ein Großteil der Nahrung von lokalen Familienbetrieben aus der Umgebung stammt. Auf diese Weise wird dem Hunger von Kindern entgegengewirkt und gleichzeitig in lokale kleinbäuerliche Agrarbetriebe investiert.

Diese nehmen laut Roman Herre, Agrarreferent bei FIAN, in der Ernährungsfrage eine Schlüsselrolle ein: Einerseits seien Kleinbauern aufgrund von Landgrabbing oder Konkurrenz durch industrielle Landwirtschaft besonders von Hunger betroffen. Andererseits könnten gerade sie im Kampf gegen den Hunger einen entscheidenden Beitrag leisten. Ein wichtiges Stichwort für Herre ist hierbei »Investitionen«. Hierzulande meine dies: »Kapital, das zu Profitzwecken eingesetzt wird« - ein gefährliches Verständnis: »Man muss unterscheiden zwischen förderlichen, verantwortungsvollen Investitionen und solchen, die Schäden für Umwelt und Menschen nach sich ziehen«, so Herre. Die Agrarwirtschaft multinationaler Konzerne werde das Problem des Hungers auch langfristig nicht lösen können. Die hochtechnologisierte Produktion schaffe keine Arbeitsplätze, versperre Kleinbauern Zugang zu Land und verschärfe aus dem Renditeanspruch heraus das Verteilungsproblem. »Eine kluge Förderung von Kleinproduzenten ist dagegen die beste Garantie für nachhaltige Erfolge.«

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