Was einst die jüdische Heimat war

Große Dauerausstellung in Warschau eröffnet

  • Von Holger Politt, Warschau
  • Lesedauer: 3 Min.
Eines der wichtigen Museen der Weltgeschichte steht im Warschauer Stadtteil Muranów. Es erzählt nun in einer Dauerausstellung die Geschichte der polnischen Juden.

Zum 70. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto öffnete das Museumsgebäude im vorigen Jahr seine Pforten zunächst mit leeren Räumlichkeiten und nackten Wänden. Am Dienstag nun wurde die Dauerausstellung in Anwesenheit der Staatspräsidenten Polens und Israels, bei der erste Auslandsreise von Reuwen Riwlin, eingeweiht.

Die Geschichte der Auslöschung lässt sich nicht zurückdrehen. Polen ist nach 1945 aus Ruinen auferstanden, doch für die Menschen, die in die Ghettos gepfercht, die nach Kulmhof, Bełżec, Treblinka, Sobibór oder Auschwitz transportiert wurden, kam alle Rettung zu spät. Deutscher Plan und deutsche Gründlichkeit radierten Polens Judentum aus. Dass es Helfershelfer gab, spielte eine Rolle. Aber eine am Rande.

Oftmals schwierig gestaltete sich das polnisch-jüdische Verhältnis nach dem Krieg; auf Deutsch darüber zu schreiben, hat immer bittersten Beigeschmack. Doch auch diese Linie mündete in diesem Warschauer Museum der Geschichte der polnischen Juden.

Einst pulsierte in der Stadt jüdisches Leben, die Deutschen machten daraus kurzerhand den Jüdischen Sperrbezirk. Nach der Niederschlagung des Ghettoaufstands blieb hier kein Stein auf dem anderen - eine einzelne katholische Kirche ausgenommen. Die Steinwüste von Muranów als gewaltigste Anklage - Schicksalsort für eine halbe Million Menschen und eine ganze Kultur.

Inmitten der Trümmerlandschaft wurde im April 1948 das Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos errichtet, seither einer der ergreifendsten Erinnerungsorte Europas. Unweit des Denkmals wurden zuvor Milchkannen und Blechkisten wiedergefunden und ausgegraben. Sie enthielten das von Emanuel Ringelblum geleitete Ghetto-Archiv, von dem die Deutschen keine Ahnung hatten. Die erschütterndste Flaschenpost neuerer Zeit befindet sich seither im Jüdischen Historischen Institut in Warschau.

Das Museum eröffnet nun den Blick auf 1000 Jahre Geschichte der polnischen Juden. Im Vordergrund stehen Anwesenheit, Nachbarschaft und Polen als Heimatland der Juden - eine Alltagswelt in polnischer und jiddischer Sprache. Die Ausstellungsmacher entschieden sich für die Perspektive, wie sie im Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund am ehesten verwirklicht war: Ein weltlicher Zuschnitt im Bewusstsein eigenständiger Kultur und Sprache, ohne Zweifel daran, in Polen zu Hause zu sein. Religion, Assimilation und Zion bleiben dem nachgeordnet. Doch nur die Welt der Arbeiter-Bundisten, die in ihrer Heimat für eine nicht an das Territorium gebundene kulturelle Autonomie stritten, ist ein Faden der jüdischen Geschichte, der nirgends Fortsetzung fand. Auch deshalb nimmt das Jiddische im Museum den entsprechenden Platz ein.

Michael Schudrich, Oberrabbiner Polens, ist überzeugt, dass die Besucher des Museums, die selbst keine jüdischen Wurzeln haben, eine Vorstellung mitnehmen werden von dem, was jüdisches Leben in Polen einst bedeutete und gewesen war. Und für die jüdischen Besucher aus aller Welt werde es zum wichtigen Ort, an dem ihnen polnische Kultur und Geschichte den Weg kreuzen.

Die Wunde, die Polen mit der Vernichtung des jüdischen Teils zugefügt wurde, wird offen bleiben, sie kann nicht verheilen - sie schmerzt von Jahr zu Jahr mehr. Das Museum zur Geschichte des jüdischen Polens ist ein Mittel, diesen Schmerz auszuhalten.

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