Vorbilder Aubagne und Tallinn

In einigen Städten läuft der ÖPNV längst ticketfrei

Während die deutschen Verkehrsminister zur Abschreckung das Bußgeld für »Schwarzfahren« gleich um 50 Prozent heraufsetzen wollen, beschreiten die Verantwortlichen in einigen europäischen Regionen andere Wege. In der Praxis hat sich der »fahrscheinlose« oder »fahrscheinfreie« Öffentliche Personennahverkehr als machbar erwiesen. Das beweisen etwa die französischen Städte Aubagne und das nördlich von Paris gelegene Compiègne.

In Aubagne und umliegenden Gemeinden gilt die Regelung seit 2009. Die Stadtverwaltung verfolgt nach eigenem Bekunden soziale und ökologische Ziele. Sie vermeldet ein gestiegenes Fahrgastaufkommen, einen Ausbau des Busnetzes und ein Umsteigen von Autofahrern auf die Stadtbusse. Zur Finanzierung trägt auch die seit 1999 in Frankreich gültige Nahverkehrsabgabe bei, über die Unternehmen mit über neun Beschäftigten zweckgebunden kommunale ÖPNV-Projekte mitfinanzieren. Inzwischen gilt auch in weiteren französischen Verkehrsverbünden der Nulltarif. Jedoch bestehen regional große Unterschiede in der Preisgestaltung. So führte das Departement Pyrénées-Orientales vor Jahren für die Busse einen Einheitsfahrpreis von einem Euro ein, der auch für zweistündige Reisen über knapp 100 Kilometer von den Pyrenäen bei Andorra bis nach Perpignan gilt.

Viele Jahre galt auch das nordbelgische Hasselt als Vorzeigemodell für eine Verkehrswende. Ausgangspunkt dort war der Wille der Stadtspitze zur Verkehrsverlagerung. Diese wurde über eine Verbindung aus kostenlosem Busverkehr, hohen Parkgebühren, reduzierter Höchstgeschwindigkeit, dem Abbau von Parkplätzen und der Einführung autofreier Einkaufsstraßen erreicht. Das bescherte der Innenstadt mehr Besucher und weniger Autos. 2012 rückte die neue Rathauskoalition von Christ- und Sozialdemokraten jedoch vom »Nulltarif« ab und führte wieder Fahrscheine ein. Seit Mai 2013 kostet der Einzelfahrschein 60 Cent - angesichts bundesdeutscher ÖPNV-Tarife immer noch traumhaft billig. Ausgenommen sind Jugendliche bis 19 Jahren.

In Tallinn (Estland) votierten die Einwohner 2013 in einer Volksabstimmung für einen kostenlosen Nahverkehr. Nach ersten Meldungen ist der motorisierte Individualverkehr bereits deutlich zurückgegangen.

Auch in den brandenburgischen Städtchen Templin und Lübben fanden Modelle mit »fahrscheinfreien« Stadtbussen vor Jahren starken Zuspruch. Sie wurden aber wegen der kommunalen Finanznot beendet. Geblieben sind in beiden Städten aber relativ niedrige Tarife. hgö

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