Damit es beim Blackout nicht zappenduster wird

Mitnetz Strom in Halle knüpfte ein Expertennetzwerk, um bei länger andauernden Ausfällen reagieren zu können

  • Von Harald Lachmann, Halle
  • Lesedauer: 3 Min.
Ostdeutschlands größter Verteilnetzbetreiber, Mitnetz Strom in Halle, wird zum bundesweiten Vorreiter in Sachen Krisenprophylaxe. Falls der Saft mal länger als gedacht wegbleibt.

Elf Mal pro Tag verzeichnet allein der größte ostdeutsche Energieversorger, enviaM in Chemnitz, irgendwo in seinen Revieren einen Stromausfall. Pro Jahr summiert sich dies auf rund 4200 Störfälle. Noch nicht eingerechnet sind dabei Hunderte so genannter Kurzzeitunterbrechungen. »Sie dauern meist 0,3 bis 0,8 Sekunden und entstehen etwa nach Blitzeinschlägen«, erklärt Adolf Schweer, der für den Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom in Halle - eine Tochter von enviaM - das technische Geschäft führt. Diese Kurzabschaltung sei nötig, damit das Netz in solchen Fällen nicht überlastet werde, erläutert er. Daheim flackere dann vielleicht nur kurz die Stehlampe, Unternehmen mit sensibler Elektronik träfe es unter Umständen jedoch härter.

Meist werden Stromausfälle durch technische Fehler, zu ungestüme Baggerarbeiten im Erdreich oder von auf Hochleitungen gestürzten Bäumen verursacht. Und selten dauern sie wirklich lange. Die Experten des Hallenser Unternehmens, das mit seinem 76 000 Kilometer langen Stromnetz gut 2,5 Millionen Menschen in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen versorgt, haben da halt Routine.

Doch was, wenn sich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände das Hochspannungsnetz großflächig und damit für längere Zeit abmeldet? Verantwortliche in Regionalverwaltungen machten sich darüber wenig Gedanken, weiß Schweer. Selbst das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn stufe einen Totalausfall der Stromversorgung als höchst unwahrscheinlich ein. Auch wenn er halt »nicht auszuschließen« sei, wie man einräumt.

In den meisten Behörden ist man nicht wirklich darauf vorbereitet, so Schweer, dass plötzlich das gesamte öffentliche Leben aus den Fugen geraten könnte: das Telefonfestnetz bricht zusammen, stationäre Computer fahren runter, medizinische Apparaturen, Lüftungsanlagen, Wasser- und Entwässerungssysteme verabschieden sich, automatische Türen versagen, der elektrische Schienenverkehr kommt zum Erliegen. Zwar verfügten Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen über eine Notstromversorgung, sagt Schweer. Doch auch hier wäre der Sprit für die Dieselaggregate meist nach 24 Stunden erschöpft - und neuer nicht zu beschaffen. Denn auch Zapfsäulen arbeiten elektrisch. Und zumindest in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen verfügt nicht eine Tankstelle über eine unabhängige Stromversorgung.

Schon über Jahre beschäftigt sich Schweer neben seinem eigentlichen Job mit solchen Fragen, und das gleich aus doppeltem Grund: 2011 wählte die Landeshelfervereinigung Sachsen-Thüringen des Technischen Hilfswerkes (THW) den 55-jährigen Elek-trotechnikingenieur zu ihrem ehrenamtlichen Präsidenten. Besonders sensibilisiert hatte Schweer der Winter 2013, den er auch wegen einer »sehr angespannten Situation im Stromnetz« in Erinnerung hat.

Aber auch die Besonderheiten der Energiewende ließen die Netze »immer häufiger an ihre Grenzen kommen«, erzählt Schweer. So traf er sich in den letzten zwei Jahren wiederholt mit Experten aus Verwaltung und Wirtschaft, um im Rahmen von Workshops intensiv mögliche Notfallszenarien durchzuspielen.

Im Ergebnis dieser Treffen knüpfte Mitnetz Strom nunmehr ein Expertennetzwerk, mit dem man auch »bei einem länger andauernden großflächigen Stromausfall mögliche Krisensituationen beherrschen« will. Als wichtigste Herausforderungen hierbei nennt Schweer die Felder Kommunikation und die Treibstoffversorgung. Denn auch das mobile Telefonnetz lasse sich bei einem Blackout »maximal zwei bis vier Stunden aufrechterhalten«. Deshalb sei zwischen den Beteiligten nun eine interne Kommunikationskette auf Basis netzunabhängiger Satellitentelefone entwickelt worden. Auch Lautsprecherwagen komme im Fall der Fälle eine besondere Rolle zu.

Den längerfristigen Nachschub mit Diesel, Benzin, Heizöl und Flüssiggas soll zudem eine Kooperation mit dem Großtanklager von Total in Hartmannsdorf bei Chemnitz sichern. Hier war jüngst eine netzunabhängige Stromversorgung installiert worden.

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