Ein explosiver Fall

Ian McEwan erzählt vom Zwiespalt zwischen Recht und Religion

Insgesamt siebzehn Romane und Kurzgeschichtenbände hat der britische Autor Ian McEwan seit 1975 veröffentlicht, und mit jedem neuen Buch wagte er sich weiter in die reale Welt. Auch sein neues Werk mit dem Titel »Kindeswohl« entwickelte er eng entlang einer tatsächlichen Begebenheit: Als Vorlage diente ihm ein besonders tragischer Rechtsfall, von dem ihm ein befreundeter Richter erzählte.

Die Geschichte springt dann auch gleich ohne viel Zaudern mitten hinein ins Geschehen. Fiona Maye, Ende fünfzig, Familienrichterin am High Court in London, bekannt für ihre Eloquenz, Gedankenschärfe und Gewissenhaftigkeit, flucht, wie sie es seit Teenagertagen nicht mehr getan hat. »Du Idiot! Du verdammter Idiot!«, wirft sie ihrem Mann Jack ungehalten an den Kopf. Eine gerechtfertigte Beschimpfung angesichts seines erbärmlichen Plans, mit sechzig eine außereheliche Affäre einzugehen.

So weit, so bekannt die Ausgangssituation. McEwan spart sich daher die üblicherweise folgenden, erschöpfenden Diskussionen eines streitenden Ehepaars. Den privaten Tumult nutzt er vielmehr als emotionalen Türöffner für ein wesentlich brisanteres Thema: Was passiert, wenn Recht und Religion unvereinbar aufeinanderprallen?

An diesem trüben Sonntagabend, an dem Fiona von Jacks geplanter Untreue erfährt, meldet sich ihr Assistent mit einer eiligen juristischen Anfrage: Darf ein Spital einen Patienten zu einer lebensrettenden Behandlung zwingen, auch wenn dieser sie aus religiösen Gründen ablehnt? Fiona bleiben für ihre Entscheidung weniger als vierundzwanzig Stunden. Sie beschließt - höchst ungewöhnlich für eine Richterin ihres Rangs -, den 17-jährigen leukämiekranken Jugendlichen persönlich zu befragen. Verweigert er eine Bluttransfusion lediglich auf Geheiß der streng religiösen Eltern oder glaubt der Junge tatsächlich an die Lehren der Zeugen Jehovas? Die Begegnung am Krankenbett setzt eine emotionale Kettenreaktion in Gang, auf die weder die analytische Richterin noch der zartfühlende Jüngling vorbereitet sind.

McEwan beschreibt Fiona Mayes explosiven Fall mit angenehm kühler Nüchternheit. Die logische Argumentationsstruktur der Richterin, in der sie sich wiederkehrend auf atheistische Moralisten wie Immanuel Kant bezieht, ist ein deutliches Plädoyer für eine Justiz, für die religiöse Dogmen, falsch verstandene Toleranz oder politische Korrektheit keine Rolle spielen. Dass sich die Haltung seiner engagierten Streiterin für Besonnenheit und Ratio mit seiner eigenen deckt, machte der 66-Jährige kürzlich, pünktlich zum Erscheinungstermin der englischen Originalausgabe, unmissverständlich deutlich: Jede Religion, so McEwan sinngemäß, fuße auf der Gewissheit der eigenen Wahrheit. Doch wie könne bei weltweit 6000 Religionen jede einzelne im Recht sein? »Nur der säkulare Glauben«, so die Antwort des Autors, »garantiert die nötige Freiheit für eine vernünftige Rechtsprechung.«

Nun wäre McEwan kein ganz Großer seines Metiers, würde er in seinen Romanen nicht klar Stellung zu realen ethischen Zwangslagen beziehen. Wundersamerweise glückt ihm dies immer wieder ohne überhebliche Geste oder verkniffenen Starrsinn. Vielleicht, weil er - bei allem intellektuellen Erkenntniswillen - nie die pulsierenden Herzen seiner Figuren vergisst. Musik, Poesie, Liebe und Schrecken, Schuldgefühle, Scham, Witz, Zuversicht und Zärtlichkeit, all das findet nun auch in »Kindeswohl« seinen angestammten Platz.

Ian McEwan: Kindeswohl. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes. 224 S., geb., 21,90 €.

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