Werbung

Millionenschaden nach Tornado

Unwetter richtet in Bützow schwere Zerstörungen an und tötet einen Menschen in Hamburg

Nur knapp zehn Minuten brauchte ein Tornado, um im mecklenburgischen Bützow bei Rostock ein Chaos auszulösen. In Hamburg wurde ein 26-Jähriger getötet.

Von Joachim Mangler, Bützow

Fassungslos stehen die Einwohner von Bützow am Mittwochmorgen auf dem Marktplatz und schauen zur Stiftskirche. Ein Tornado hatte am Dienstagabend große Teile des riesigen Daches der Kirche abgedeckt. Tausende Ziegel liegen zerborsten auf dem Boden - neben umgestürzten Bäumen und zerstörten Autos. Auch das Rathaus zeigt sichtbare Schäden. »Die Ziegel kamen wie Geschosse heran«, berichtet Christian Grüschow, parteiloser Bürgermeister der Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern.

Auch Horst Rebien steht der Schrecken des vergangenen Abends noch tief im Gesicht. »Mit einem Mal wurde es dunkel. Ich war auf dem Balkon und bin dann rein. Und auf einmal krachte es«, sagt er mit leicht zitternder Stimme. Das Dach seines Hauses ist schwer beschädigt.

Von dem, was dann in den zehn Minuten danach passierte, wird in der Stadt noch die kommenden Jahre gesprochen werden. Blitz und Donner wechselten im Sekundentakt. »Es hörte überhaupt nicht auf«, sagt Winfried Klar, als er am Morgen in seinem Hof die Ziegel und viel Unrat zusammenkehrt. »Erst kam ein bisschen Regen und dann das Chaos.« Die freigesetzten Kräfte hätten alles bisher Bekannte in den Schatten gestellt.

Wie als Zeichen für diese rohe Naturgewalt steckt in einem Haus am Marktplatz in acht Metern Höhe der Rest eines Ziegels, der sich da hineingebohrt hat. Manche Leute hätten angesichts der Wucht des Unwetters und der Hilflosigkeit einfach nur geweint, erzählen die Bützower.

Auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) verschlägt es zunächst die Worte. »So etwa habe ich noch nie gesehen.« In einer eilig einberufenen Pressekonferenz sagt er finanzielle Hilfe des Landes zu.

Die genauen Schäden lassen sich noch nicht abschätzen. Die Verantwortlichen trauen sich nur, von »vielen Millionen Euro« zu sprechen. Experten gehen davon aus, dass allein die Schadensaufnahme mehrere Tage dauern wird. Statiker müssen Häuser vermessen, bis Mittwochmittag wurden 14 von 84 untersuchten Wohnhäusern für unbewohnbar erklärt. Sechs Menschen werden zunächst in der Sporthalle untergebracht.

Mehr als 100 Autos werden in Mitleidenschaft gezogen, viele sind völlig zerstört. Es grenzt an ein Wunder, dass nur eine Fahrradfahrerin schwere Verletzungen erlitten hat, 30 weitere Bützower wurden leicht verletzt.

Der Landrat des Kreises Rostock, Sebastian Constien (SPD), zeigt sich beeindruckt von der Solidarität unter den Einwohnern. Zu den 130 Feuerwehrleuten und anderen Helfern gesellen sich gleich nach dem Unwetter Dutzende Einwohner. Mit Schaufeln und Besen ausgerüstet wollen sie helfen, ihre Stadt so schnell es geht, wieder in einen lebenswerten Zustand zu versetzen. Doch die Aufräumarbeiten werden dauern, ist Constien sicher. Zunächst müssen alle Dächer auf den richtigen Sitz der Ziegel überprüft werden. Die Fußgänger wurden aufgefordert, in der Mitte der Straße zu gehen. Am Mittwoch regt sich kein Lüftchen. Die Bäume, die stehengeblieben sind, zeigen sich in schönstem Frühlingsgrün. Als hätte es den zerstörerischen Tornado nie gegeben.

In Hamburg hatten Sturmböen mit Geschwindigkeiten bis 100 Kilometer pro Stunde und Starkregen Bäume und Äste auf Straßen und Autos stürzen lassen. Ein 26-Jähriger war am Fischmarkt durch ein einstürzendes Vordach getötet worden. Drei Menschen seien in ihren Wagen eingeklemmt worden, so ein Feuerwehrsprecher. Am Burchardkai im Containerhafen in Hamburg-Waltershof rissen sich fünf Containerschiffe los.

Rund 300 Fahrgäste eines Metronomzuges mussten in Bremen einen ungeplanten Stopp einlegen, weil ein Baum auf eine Oberleitung gefallen war. Bis zum späten Abend hatte die Feuerwehr den Notstand ausgerufen. Verletzt wurde niemand. Auch in Schleswig-Holstein war die Feuerwehr wegen überfluteter Keller und umgestürzter Bäume im Einsatz. »Lübeck hat am meisten abbekommen«, sagte ein Feuerwehrmann am frühen Mittwochmorgen. Starkregen drang auch in das Holstentor ein und überflutete Teile des Museums. dpa/nd

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal