Papst warnt vor Kollaps der Erde

Franziskus fordert in seiner Umwelt-Enzyklika mehr Einsatz gegen den Klimawandel und das Ende der »Wegwerfkultur«

  • Von Jean-Louis de la Vaissiere, Vatikanstadt
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Erde eine riesige Müllhalde, das Verhalten der Menschen selbstmörderisch: Provokant kritisiert der Papst Wegwerfgesellschaft, Umweltzerstörung und globale Gleichgültigkeit.

Es ist ein leidenschaftlicher Appell für mehr Umweltschutz und eine eindringliche Warnung vor den Folgen der Erderwärmung: Papst Franziskus mahnt in seiner am Donnerstag veröffentlichten Umwelt-Enzyklika eine »ökologische Umkehr« vor allem in den Industrienationen an. Er fordert ein Ende des »unersättlichen und unverantwortlichen Wachstums« und eine Abkehr von fossilen Energieträgern. Für Umweltverbände und UNO ist das Lehrschreiben »Laudato si« ein wichtiger Beitrag zur Klimadebatte.

Der Klimawandel sei nicht zu leugnen, schreibt der Papst in dem mehr als 200 Seiten umfassenden Rundschreiben. Er spricht von einer »besorgniserregenden Erwärmung des Klimasystems«, für die in erster Linie die Menschheit verantwortlich sei. Franziskus fordert eine rasche Abkehr von den fossilen Energieträgern, »um in den kommenden Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch zu reduzieren«. Stadtessen müsse der Einsatz erneuerbarer Energiequellen vorangetrieben werden.

Sollte die derzeitige Entwicklung nicht gestoppt werden, werde die Menschheit »Zeuge nie dagewesener klimatischer Veränderungen und einer beispiellosen Zerstörung der Ökosysteme (...), mit schweren Folgen für uns alle«. Franziskus verurteilt die Privatisierung der Trinkwasserversorgung, die sich zu einer hauptsächlichen Konfliktquelle des Jahrhunderts entwickeln könnte.

Der Pontifex fordert vor allem die Menschen in den Industrienationen auf, ihren Lebensstil zu ändern, die »Wegwerfkultur« zu beenden und den ungehemmten Konsum einzuschränken. Nur so könne die Erderwärmung eingedämmt und zudem verhindert werden, dass sich die Erde in eine »unermessliche Mülldeponie« verwandele. In einigen Teilen der Welt solle eine gewisse Rezession akzeptiert werden, »damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann«.

Der Klimawandel sei »ein globales Problem«, schreibt er in seiner Enzyklika. Besonders hart treffe die Entwicklung aber die Menschen in den Entwicklungsländern. Die Probleme der Armen würden jedoch oft als »Kollateralschaden« betrachtet. Auch herrsche eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber Migranten, »die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird«. Die reichen Nationen hätten jedoch eine »ökologische Schuld« gegenüber den Entwicklungsländern.

»Nicht die Armen, sondern die Reichen verursachen die größten Risiken für unseren Planeten, und letztlich für die Menschheit«, sagte auch der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Joachim Schellnhuber, der an der Präsentation der Enzyklika im Vatikan teilnahm.

Umweltschützer erhoffen sich von der Enzyklika Rückenwind für die UNO-Klimakonferenz im Dezember in Paris, wo ein neuer globaler Klimavertrag zur Minderung des CO2-Ausstoßes vereinbart werden soll.

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius nannte die Enzyklika einen »wichtigen Beitrag für den Erfolg« der Konferenz. Sie werde bei der Mobilisierung der Menschen für den Kampf gegen den Klimawandel helfen. Der Leiter des UNO-Umweltprogramms, Achim Steiner, bezeichnete »Laudato si« als Weckruf. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken nannte das Schreiben eine »schmerzhafte Analyse der Situation unserer Welt, die alle Menschen guten Willens wachrütteln muss«. Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch befürwortete die »gelungene Provokation«. Auch Greenpeace und WWF lobten die »klaren Worte« aus Rom.

Bei Klimaskeptikern dürften die Botschaften des Papstes hingegen auf entschiedene Ablehnung treffen. Er lasse sich in seine Wirtschaftspolitik nicht »von meinen Bischöfen oder vom Papst« reinreden, erklärte der republikanische Präsidentschaftsbewerber der USA, Jeb Bush noch vor der Veröffentlichung der Enzyklika. AFP/nd

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