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Hinauf, den Hügel der Hoffnung

Wie ein soziales Projekt in Uganda Chancen schafft, wo eigentlich Perspektivlosigkeit herrscht

  • Von Celestine Hassenfratz
  • Lesedauer: 8 Min.
Um gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Uganda etwas zu tun, hat ein Berliner eine »Sozialakademie« in Ostafrika gegründet. Die Jugendlichen aus dem Projekt schaffen sich ihre Arbeitsplätze einfach selbst.

Edgar ist unzufrieden. Die Nase, sie sitzt noch nicht dort, wo sie eigentlich sein sollte. Seine Augen hat der junge Mann konzentriert auf die Leinwand vor ihm gerichtet, den langen Pinsel hält er in der rechten Hand. Um ihn herum: Farben, Eimer, Pinsel. Künstlerchaos. Und drei Stockbetten. Edgar will Künstler sein. Ist Künstler. Auch wenn das in dem Land, aus dem er kommt, nahezu unmöglich erscheint. Der 19-Jährige ist in der Nähe von Kampala geboren, der Hauptstadt Ugandas. Mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag, gemessen von der UN anhand der Kaufkraft der Bevölkerung, muss ein Viertel aller Einwohner Ugandas auskommen. In dem Land mit der jüngsten Bevölkerung der Welt ist eigentlich nicht viel Platz für Künstler und Träumer. Eigentlich. Gäbe es hier nicht diesen einen Ort, an dem alles möglich zu sein scheint.

Will man ihn besuchen, diesen Ort, muss man auf dem überbrodelnden Taxiplatz in Downtown-Kampala in ein staubiges Matatu, einen überfüllten Kleinbus, steigen und knapp vierzig Kilometer vorbei an grünen Hügeln und kleinen Hütten bis nach Mpigi fahren. Hat man Mpigi erst einmal erreicht, ist es nicht mehr weit, nur noch zweieinhalb Kilometer auf einem BodaBoda, einem Motorroller, einen Hügel hinauf und man erreicht die »Social Innovation Academy« - SINA. Der Ort, von dem Edgar sagt, dass er sein Leben als Künstler möglich macht.

Es ist Dienstagmorgen, kurz vor acht Uhr, und aus einem schmalen Holzverschlag weht ein süßlicher Duft. Es gibt klebrigen Maisbrei, schwarzen Tee, Weißbrot und Margarine. Es ist Frühstückszeit in SINA. Vor einer einfachen Hütte hat sich eine Schlange gebildet, fünf Personen stehen an, ein Hahn pickt auf dem rotbraunen Boden. Jeden Morgen stehen sie hier, 30 junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren. Die meisten von ihnen ein ganzes Jahr, so lange bleiben sie in SINA. Etienne Salborn hat das Projekt im Juli 2014 gegründet. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem ugandischen Waisenhaus beschloss der 29-jährige Berliner, dass er etwas tun will, das über seinen organisierten Freiwilligendienst hinausgeht. Bereits 2009 gründete Etienne den Verein Jangu e.V., er sollte mit Bildungspatenschaften dabei helfen, Kindern aus dem Waisenhaus den Besuch der weiterführenden Schule zu finanzieren. In Uganda gilt die Schulpflicht, der Besuch der siebenjährigen Grundschule ist kostenlos. Nur etwas mehr als die Hälfte aller Eingeschulten schließt die Grundschule jedoch überhaupt ab. Die weiterführende Schule besuchen nur noch rund 22 Prozent. Zu oft werden sie von ihren Familien auf dem Feld benötigt, um das Überleben zu sichern. 80 Prozent der Menschen in Uganda leben von der Landwirtschaft.

Weil Etienne jemand ist, der es mag, wenn Ideen weitergedacht werden, die von anderen und seine eigenen, gründete er zwischen Weltreise und einem Masterstudium in Frieden und Entwicklung SINA. Das soziale Projekt soll benachteiligten Schülern helfen, sie in ihrer Selbstständigkeit zu fördern und aus ihnen Sozialunternehmer zu machen. »Jeder sollte seine Potenziale entfalten und davon einen Lebensunterhalt verdienen können. Das Konzept aber, wie wir es in Europa von Arbeit kennen, ist überholt«, sagt Etienne, streicht sich seine blonden Dreadlocks aus dem Gesicht und läuft über die Wiese zu einer braunen Hütte. Gemeinsam mit den Schülern in SINA hat er die Hütte aus alten Plastikflaschen und dunklem Lehm gebaut. Jetzt dient sie als Versammlungsort, jeden Morgen um acht Uhr dreißig treffen sich die Schüler hier, um den Tag zu besprechen. Das Projekt wird von den Schülern, zusammen mit Mentoren, selbst organisiert. Es gibt keinen Chef, sondern Arbeitsgruppen. In verschiedenen Gruppen können die Schüler Fähigkeiten von Ackerbau, Handarbeit, Kochen bis hin zu Buchbinden, Ziegel brennen und Flaschenhäuser-Bau lernen. Diese Arbeit soll den Schülern als Inspiration für ihre eigenen beruflichen Projekte dienen.

Consolata hat sich heute für die Kunsthandwerk-Gruppe eingetragen, jetzt sitzt sie auf der Veranda. Vor ihr liegt eines der Felder, die SINA bewirtschaftet, Mais, Bohnen, Paprika pflanzen sie hier an. In ihrer Hand hält sie einen Zahnstocher und einen schmalen Streifen Papier. Langsam wickelt sie das Papier fest um den Zahnstocher. Fixiert mit Klebstoff entsteht, wird der Zahnstocher wieder herausgezogen, eine Perle, die die Gruppe später zu einer Kette verarbeiten wird. Die Ketten wollen sie bald auf dem Markt und online verkaufen, um mit den Einnahmen weitere Projekte zu fördern.

In der Welt, in der Consolata Kwikiriza aufwuchs, gab es nicht viel Platz für die Träume des kleinen Mädchens. Als »Conso« sechs Jahre alt war starb ihr Vater. Er litt an Schuppenflechte, eine Krankheit, die behandelt werden kann, für die Behandlung aber fehlte der Familie das Geld. Ihre Mutter war fortan alleine zu Hause, mit fünf Mädchen. Conso und zwei ihrer Schwestern schickte sie nach Kankobe ins Waisenhaus, eine andere Möglichkeit sah die junge Mutter nicht. Der Anfang im neuen Zuhause war schwer für die Sechsjährige. Sie war es gewohnt, beim Aufwachen die Stimmen ihrer Eltern zu hören und abends im Kreis der Familie wieder einzuschlafen. Im Waisenhaus war sie von nun an eines von 120 Kindern. Jahre später, als das Waisenhaus längst Alltag für sie war, lernte Conso Etienne den Freiwilligen kennen. Drei Jahre später sitzt sie hier auf der Veranda im SINA-Projekt und erzählt von den Träumen, die sie jetzt, als 20-Jährige, endlich leben kann. Im ugandischen Schulsystem, das von Strenge geprägt ist, hatte Conso ständig Angst. Immer wenn ihr eine gute Idee durch den Kopf schoss, traute sie sich nicht, sich zu melden. Zu groß war die Sorge, den Lehrer zu verärgern. »Wer eine eigene Meinung hat, gilt als aufmüpfig«, erzählt Conso. In SINA, sagt sie, ist das anders. Hier sollen die Jugendlichen ihre Fähigkeiten entwickeln, ihre Talente entdecken, ihre Träume leben. Es soll ein Ort sein, an dem jeder dem anderen sagt, du machst das gut, mach es weiter, mach es besser.

Die Schüler in SINA bekommen weder Urkunde noch Zertifikat, sondern sollen das Projekt mit ihrem eigenen Arbeitsplatz verlassen. In der Wahl der Projekte sind die Schüler frei, ein besonderer Fokus liegt jedoch auf der Nachhaltigkeit und dem Sozialunternehmertum.

Als es darum ging, ein Projekt zu finden, an dem Conso arbeiten kann, dachte sie an die Schwierigkeiten, denen ihr Land gegenübersteht. Eine davon ist Malaria. Gegen den Stich des Moskitos, der die Krankheit überträgt, gibt es zwar bereits Sprays. Die wenigsten sind jedoch biologisch abbaubar, oft sind die Chemikalien sogar schädlich für die Haut. Conso will ein organisches Moskitospray entwickeln, das nachhaltig und hautfreundlich ist. Jeden Tag sitzt die junge Frau nun vor dem Computer und recherchiert, welche Chemikalien schädlich, welche unproblematisch sind und wie sie diese mischen muss, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen. Später will Conso Chemie studieren, wenn sie es schafft, einen Platz an der Universität zu bekommen. Sie hat keine Angst vor der Zukunft, sagt sie, die Geschichten ihres Lebens haben sie stark gemacht. Ihr Traum: »Ich will ein inspirierendes Leben führen.« Ihr Mut soll auch den anderen Kindern im Waisenhaus ein Vorbild sein, an die eigenen Träume zu glauben.

Ihre eigenen Wünsche und Ideen ernst zu nehmen und daraus Arbeitsplätze selbst zu schaffen, ist das Ziel des Projekts. Dafür braucht es Ideen, an denen aber mangelt es in SINA nicht. Da gibt es etwa die 19-jährige Ruth, die an einer Aufklärungsapp für Frauen arbeitet. Oder Ronald Wasswa, der bereits als kleiner Junge Gitarren aus Plastikbehältern und Hölzern baute und davon träumte, Musiker und Komponist zu werden. Er zupft auf einer Gitarre und liest aus seinem schwarzen großen Songbuch vor, in das er alle seine Lieder geschrieben hat. Das Buch ist bereits fast voll. Eines der Lieder ist für SINA. Er hat es »Come together for a better world« genannt. Entstanden ist es dort, auf dem grünen Hügel inmitten eines Landes, das erst 1962 seine politische Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft erlangte und mit der Diktatur von Idi Amin von 1971 bis 1979 eine Zeit der Schreckensherrschaft erlebte, der über 300 000 Oppositionelle zum Opfer fielen.

In diesem Land einen Ort der Hoffnung zu schaffen, der aus perspektivlosen Jugendlichen erfolgreiche, sozial handelnde Unternehmer machen will, ist mutig. Dass dieser Mut auf fruchtbaren Boden fällt und sich auszahlt, zeigen die Projekte der Jugendlichen. Zwei der ehemaligen Schüler haben sich bereits erfolgreich selbstständig gemacht. Ein Unternehmen hat einen Bodenbelag aus Eierschalen und Plastiktüten erfunden und verlegt diesen nun im ganzen Land. Ein zweites Unternehmen stellt Biogastoiletten her, die aus menschlichen Abfällen Gas zum Kochen erzeugen.

Auch Edgar ist jetzt zufrieden. Der Künstler setzt noch einen letzten Strich. Die Nase ist perfekt. Mit seinen Bildern will Edgar das Afrika zeigen, das er kennt. Einen fröhlichen, bunten Kontinent. Er träumt davon, die Welt durch seine Bilder ein Stück weit besser zu machen. Dass dieser Traum mutig, aber nicht aussichtslos ist, zeigt ihm das Leben in SINA. Eine Gemeinschaft, in der Hoffnung ernst genommen und Mut belohnt wird.

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