Von Wien nach Deutschland - aber wie?

Wie Freiwillige aus Berlin, Leipzig und Wien Flüchtlinge aus Österreichs Hauptstadt über die deutsche Grenze brachten

  • Von Fabian Lambeck, Wien
  • Lesedauer: 4 Min.
Viele Flüchtlinge sind misstrauisch, wenn ihnen Helfer Passagen über die Grenze anbieten. Doch für einige führte der »Konvoi der Hoffnung« ans Ziel nach Deutschland.

Am Morgen danach sind die rund 30 Teilnehmer des »Konvois der Hoffnung« noch etwas verschlafen. Kein Wunder, waren die meisten der jungen Leute aus Leipzig, Berlin und Wien doch die ganze Nacht unterwegs, um Flüchtlinge vom österreichisch-ungarischen Grenzübergang Nickelsdorf zu den beiden großen Wiener Bahnhöfen zu bringen, die sich in riesige Erstaufnahmelager verwandelt haben.

So genau weiß niemand, wie viele Geflüchtete man in die Donaustadt transportiert hat. »Zusammen mit den Aktivisten aus Österreich hatten wir in unseren Pkw und Bussen etwa 180 Plätze für Flüchtlinge«, schätzt ein groß gewachsener Student. So kommt er auf rund 500 Menschen, denn viele seien mehrmals gefahren. Angesichts der rund 40 000 Flüchtlinge, die in den vergangenen Tagen aus Ungarn gekommen sind, ist das vielleicht nicht viel. Aber den Teilnehmern geht es um mehr als nur Hilfe. Sie wollen mit ihren Privatautos, die sie zu Taxen umfunktionierten, ein Zeichen setzen: gegen die Asylpolitik Deutschlands.

Die Nachrichten aus dem Norden sind widersprüchlich. Offiziell ist die Grenze zwischen Österreich und Deutschland dicht, die Autobahnen auch. Gerüchte besagen, dass bereits eine Person, die Flüchtlinge kostenlos über die Grenze bringen wollte, in U-Haft sitze. Greifen die deutschen Behörden jetzt richtig hart durch, um »das Flüchtlingsproblem in den Griff« zu kriegen?

Einige Aktivisten sind verunsichert. Eine Diskussion entbrennt, ob und wie weit man die Geflüchteten transportieren sollte. Reicht es, sie bis Salzburg zu bringen, recht nahe an die Grenze? Ein Teilnehmer schlägt vor, die Passagiere auf abgelegenen Wegen nach Deutschland zu bringen. Ein anderer meint, man könne die »Refugees kurz vor der Grenze aussteigen lassen und sie auf der anderen Seite wieder einsammeln«. So würde sich niemand des Menschenschmuggels schuldig machen, hofft er.

Aber sein Vorschlag findet keine Mehrheit. Ein dritter, weitaus radikalerer Vorschlag lautet, im Konvoi die Grenze zu überwinden, ganz öffentlich und als bewusste Provokation der deutschen Beamten. Es gibt Widerspruch. Einige fürchten, dass man so nur nicht die Fahrer und Fahrerinnen, sondern auch die Flüchtlinge in Gefahr bringe.

Den meisten Helfern ist bewusst, dass Bayern eine harte Linie gegen »Schleuser« fährt. In den Gefängnissen des Freistaats sitzen fast 800 davon. Was also tun? Die Anwesenheit der Bundestagsabgeordneten Christine Buchholz (LINKE) böte zumindest etwas Schutz. Die Parlamentarierin war kurzfristig angereist und will den Konvoi nun begleiten. Schließlich einigen sich die Teilnehmer darauf, Flüchtlinge vom Wiener Hauptbahnhof zur Grenze zu bringen.

Der moderne Bahnhof beherbergt auch am Dienstag noch Hunderte, die von hier aus ihre Reise nach Deutschland oder Skandinavien antreten wollen. Unter ihnen auch der syrische Student Hassan aus Damaskus, der unbedingt nach »Germany« will. Er studiere Mechatronik und möchte dies in Deutschland fortsetzen, erklärt der Basecap-Träger auf Englisch. Wie viel das Studium koste, fragt er, und lächelt erfreut, als ihm erklärt wird, dass man nur eine Verwaltungsgebühr zahlen muss. Der korpulente junge Mann echauffiert sich zudem über die anderen Flüchtlinge, von denen nur »30 oder 40 Prozent aus Syrien sind«. Der Rest, das seien Iraker, Afghanen oder Jordanier, die mit gefälschten Papieren reisten. Er selbst will aber nicht mit dem Konvoi fahren. Er warte »auf einen Freund, der steckt noch an der Grenze fest«, sagt er und holt sich etwas zu essen. Für kostenfreie Mahlzeiten sorgen die vielen Freiwilligen der österreichischen Hilfsorganisation »Trains of Hope«.

Auch Mohammad aus dem pakistanischen Karachi steht hier an. Sein Englisch beschränkt sich auf ein Wort: »Germany«. Er reagiert misstrauisch auf ein Angebot, kostenlos zur Grenze zu reisen. Vielleicht versteht er aber auch einfach nicht, worum genau es eigentlich geht.

Doch schließlich finden sich genügend Passagiere für den zweiten Teil des »Konvois der Hoffnung«. Am frühen Nachmittag fahren die Leipziger los und erreichen in den Abendstunden die Grenze bei Freilassing. Für die meisten geht es dann erst einmal zu Fuß weiter. In Bayern angekommen, werden 30 Flüchtende polizeilich registriert. Kurz sieht es so aus, als würde man die Aktivisten und Buchholz wegen des Verdachts auf »Schleusertätigkeit« in Gewahrsam nehmen. Aber schließlich lässt man die alternativen Fluchthelfer ziehen.

Nach Angaben des Sprechers von »Konvoi der Hoffnung«, Jan Liebig, schaffen es einige Autos mit Flüchtlingen zum Schluss sogar bis Sachsen. Liebig erklärt später: »Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir haben Hunderten erschöpften Menschen geholfen.« Das sei keine Straftat gewesen, so Liebig, »sondern einfach nur menschlich«.

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