Probleme mit den Zahlen

Die Weite der Meere erschwert die exakte Erfassung der tatsächlichen Fischbestände

Ob bei den regelmäßigen Treffen der für Fischerei zuständigen EU-Minister, den Warnungen von Umweltschützern vor Überfischung oder in den Einkaufsführern zum Thema Fisch - überall beruft man sich auf wissenschaftlich ermittelte Bestandszahlen. Doch wie kommen diese Zahlen zustande? Daniel Stepputtis, Leiter der Arbeitsgruppe Fischerei- und Surveytechnik am Institut für Ostseefischerei in Rostock, nennt zwei Hauptquellen: zum einen die von den Fischern bzw. den Fischereimeistern im Hafen gemeldeten Fangmengen und zum anderen Forschungsfahrten wissenschaftlicher Einrichtungen. Bei letzteren werden engmaschigere Netze benutzt als in der kommerziellen Fischerei, um Fische verschiedener Altersstufen zu erwischen. Beim Ostseedorsch beispielsweise passiert das zweimal im Jahr. Aufgrund der Alterszusammensetzung wird dann die Reproduktionsrate der jeweiligen Fischart hochgerechnet. Auch bei den gemeldeten Fängen baut man nicht ausschließlich auf die Angaben in den Logbüchern der Fischkutter. Stichprobenmäßig fahren immer mal wieder Wissenschaftler auf den Fangschiffen mit, um die tatsächlichen Fänge (einschließlich der tot zurückgeworfenen Fische) abzuschätzen und so eine genauere Vorstellung von der Sterblichkeit der Fische durch menschliches Zutun zu bekommen.

Naturgemäß weist dieses Verfahren einige Fehlerquellen auf. Je größer das Meeresgebiet, desto wahrscheinlicher sind die bei Forschungsfahrten untersuchten Fischarten gerade nicht dort, wo man sie sucht. Und auch die Angaben der Fischer sind nur bedingt verlässlich. So müssen in der EU Fischkutter unter acht Metern Länge nur einmal im Monat ihre Fänge melden. Hinzu kommt der nur mangelhaft erfasste Anteil der Sportfischer. Stepputtis verweist darauf, dass allein beim Dorsch in der Ostsee fast 30 Prozent der Gesamtfänge auf diesem Wege in der Pfanne landen.

Für Institutsdirektor Christopher Zimmermann sind Bestandsberechnungen mit nur zehnprozentiger Abweichung schon sehr gut, »doch viele Bestandsberechnungen auch im Nordostatlantik haben eher 30 Prozent Unsicherheit«.

Eine weitere Fehlerquelle - so Zimmermann - kommt von außen. Die Politik erwarte einerseits Angaben zu den nachhaltigen Fangmengen im nächsten Jahr, ändere aber womöglich gleichzeitig Randbedingungen wie etwa die Maschenweiten von Netzen. All das führe dann oft zu erheblichen Abweichungen zwischen der Vorhersage der Wissenschaft und dem tatsächlichen Zustand der Bestände.

Für den Rostocker Institutsdirektor liegt das Problem mehr beim Management der Fischbestände als bei den unzureichenden Eingangsdaten. Je unsicherer die Zahlen, desto vorsichtiger müssten Fangquoten festgelegt werden.

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