Die bittere Seite der Orange

Studie belegt katastrophale Arbeitsbedingungen auf Plantagen in Brasilien

Auf Brasiliens Orangenplantagen werden Arbeitsrechte und ökologische Mindeststandards ignoriert. Eine Folge der Dumpingmentalität, für die deutsche Supermarktketten mitverantwortlich sind.

Die Christliche Initiative Romero (CIR) und die österreichische Umweltorganisation Global 2000 haben am Freitag die Ergebnisse einer Studie zu den Arbeitsbedingungen auf Brasiliens Orangenplantagen veröffentlicht. Demnach herrschen dort nach wie vor prekäre Arbeitsbedingungen und die Saftproduktion hat verheerenden Umweltauswirkungen. »Wir waren doch reichlich überrascht«, sagt CIR-Autorin Sandra Dusch Silva. »Die Supermarktketten wie Rewe, Aldi und Lidl hatten behauptet, mit den großen Saftherstellern in Brasilien gesprochen und für Veränderungen gesorgt zu haben.« Aber an den bereits im Jahr 2013 aufgedeckten schlechten Arbeitsbedingungen hat sich offenbar nichts verändert, wie aus der Studie hervorgeht. »Für knapp zehn Euro Tageslohn müssen die ArbeiterInnen ungefähr 1,5 Tonnen Orangen ernten«, so Dusch Silva. »Der Sonne sind sie ungeschützt ausgesetzt, wenn sie die wackligen Holzleitern mit bis zu 30 Kilogramm schweren Säcken hoch- und runtersteigen.«

Hinzu kommen Gesundheitsrisiken durch die Pestizidbelastung, der die Pflücker ausgesetzt seien. In keinem Bereich würden pro Hektar mehr Pestizide verbraucht als in der Orangenproduktion, berichtet Martin Wildenberg, Umweltexperte von Global 2000.

Die von Dusch Silva und Wildenberg unternommene Recherchereise gestaltete sich offenbar alles andere als einfach. Beide berichten von einem Klima der Einschüchterung auf vielen Plantagen. Arbeiter zu finden, die bereit waren über ihre Arbeit und die Arbeitskonditionen zu reden, sei schwierig gewesen.

Die Pflücker werden oft in anderen Bundesstaaten angeworben, dann in die Region São Paulo gekarrt, wo die besuchten Plantagen liegen, und in Sammelunterkünften untergebracht. Man zieht ihnen dafür horrende Mieten vom Lohn ab. »Die Zustände sind extrem«, so Dusch Silva. Das hätten auch Inspekteure des Arbeitsministeriums moniert, die neben Vertretern von Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen vor Ort dabei waren. Anders als bei den Recherchen im Jahr 2013 konnten die Aktivisten diesmal auch eine Plantage der Louis Dreyfus Commodies Agroindustrial S.A., einer der drei großen Player der brasilianischen Saftindustrie, besuchen. »Natürlich war das ein angekündigter Besuch, aber es ist ein Fortschritt, dass wir diesmal empfangen wurden«, erklärt Dusch Silva.

Die erste CIR-Studie hatte einst viel Aufmerksamkeit erregt. Großabnehmer wie Edeka, Rewe, Aldi und Lidl gelobten Besserung und wiesen ihre Lieferanten an, sich an internationale Standards zu halten. Dass trotzdem keine wesentlichen Fortschritte zu erkennen sind, führt Dusch Silva auf die Tatsache zurück, dass bei Treffen auf Unternehmensebene zwar die staatliche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beteiligt war, nicht aber Gewerkschaften oder kritische Nichtregierungsorganisationen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal