Bahn kehrt in den ländlichen Raum zurück

In Nordwest-Hessen wurde eine tote Strecke reaktiviert

  • Von Hans Gerd-Öfinger, Wiesbaden
  • Lesedauer: 3 Min.

Dass durch jahrelangen Druck und das Bohren dicker Bretter auch im ländlichen Raum stillgelegte Bahnstrecken wieder aktiviert werden können, zeigt das Beispiel der Edertalbahn zwischen Korbach und Frankenberg im nordwestlichen Hessen. Wo fast 30 Jahre lang kein planmäßiger Personen- oder Güterzug mehr rollte, sind seit knapp zwei Monaten wieder moderne Nahverkehrszüge im Einsatz und eröffnen für Berufspendler, Landbewohner und Touristen neue Möglichkeiten.

Auf dem gut 31 Kilometer langen Streckenabschnitt im Landkreis Waldeck-Frankenberg hatte die alte Deutsche Bundesbahn 1987 unter der damaligen Regierung Kohl (CDU) den Personenverkehr eingestellt. Dies war in jenen Jahren nur ein Beispiel für den Rückzug der Bahn aus der Fläche unter dem Vorwand einer betriebswirtschaftlichen Rationalisierung und Optimierung. Damit waren Teile des Kreises Waldeck-Frankenberg mit Touristenmagneten wie dem Ederstausee und dem Naturpark Kellerwald gänzlich ohne Schienenanbindung.

Die Stilllegung riss auch ein Loch in das überregionale Eisenbahnnetz, zumal hier einst noch täglich durchgehende Eilzüge von Frankfurt am Main nach Bremen und Hamburg Halt machten. Mit dem jüngsten Lückenschluss wurden nun wieder bessere und deutlich schnellere Verbindungen zum Rhein-Main-Gebiet, Rhein-Ruhr-Gebiet und Großraum Kassel geschaffen.

Die Trasse wurde über die Jahre immerhin für gelegentliche Sonderfahrten benutzt und daher nicht demontiert. So sahen lokale und landespolitische Akteure schließlich die Chance zur Wiederinbetriebnahme des regulären Personenverkehrs zwischen den beiden wichtigsten Städten im Landkreis. Eine lokale Interessengemeinschaft verankerte mit viel Herzblut, Engagement und Aktionen vor Ort das Thema in den Köpfen der Bevölkerung. Nach einem langen Tauziehen zwischen der DB Regio-Tochter Kurhessenbahn, dem Land und dem Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) fasste der Hessische Landtag im September 2008 mit den Stimmen von SPD, Grünen, LINKEN und FDP einen Grundsatzbeschluss pro Reaktivierung. Die CDU stemmte sich gegen das Projekt und votierte auch noch 2012 im Kreistag mit Nein. Inzwischen nähert sie sich vorsichtig dem Lager der »erfolgreichen Väter« des Projekts an.

Mit einer Bekanntgabe der Ergebnisse offizieller Fahrgastzählungen ist zwar erst 100 Tage nach Wiederinbetriebnahme und damit in der Vorweihnachtszeit zu rechnen. Doch eine NVV-Sprecherin sagt auf nd-Anfrage, es gebe erste Hinweise darauf, dass das neue Bahnangebot im Edertal angenommen wird. Dazu dürfte auch die Einrichtung neuer Haltepunkte beitragen. Gut einen Kilometer von der Station Herzhausen entfernt liegt das Besucherzentrum für den Nationalpark Kellerwald. Die neue Strecke ist in das Angebot von NVV, RheinMain-Verkehrsverbund (RMV) und Deutscher Bahn (DB) eingebunden.

Bislang verkehren die Züge zwischen Korbach und Frankenberg aber erst im Zwei-Stunden-Takt, während Experten einen Stundentakt als Basis für einen dauerhaften Fahrgastzustrom für unabdingbar halten. Und dass eine eingleisige Edertalbahn mit Dieselbetrieb noch keine vollendete hessische Verkehrswende ausmacht, zeigt ein Blick auf die Landkarte: In ganz Hessen warten noch etliche stillgelegte und von der Vegetation teilweise überwucherte Nebenstrecken darauf, dass sie von engagierten Initiativen und beherzten Politikern - auch gegen Widerstände - reaktiviert werden.

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