Hilfe in Sicht

SOS Méditerranée baut eine zivile Flüchtlingsrettung auf

Das Vorhaben von SOS Méditerranée wird konkret: Die vor wenigen Monaten gegründete Organisation rettet schon bald Schiffbrüchige im Mittelmeer. Getragen wird das Engagement von der Zivilgellschaft.

Alle reden von der Balkanroute und dem gefährlichen Übersetzen von der türkischen Küste auf die griechischen Inseln. In Vergessenheit gerät dabei bisweilen, dass Hunderttausende Flüchtlinge noch immer in Libyen darauf warten, nach Europa zu gelangen.

Trotz kalter Temperaturen mussten im Dezember bereits mehr als 5000 in Seenot geratene Menschen vor der Küste Libyens gerettet werden. Die Schlepper gehen im Winter mit den Preisen herunter, so dass Flüchtlinge trotz des widrigen Wetters die Überfahrt wagen. »Das Meer hat keine Augen«, sagt Klaus Vogel (59). »Wenn keine zivile Rettung dort ist, weiß niemand wirklich, was geschieht«, fürchtet der Kapitän und Mitbegründer von SOS Méditerranée. Die Marine habe nämlich nicht den Auftrag, Bericht zu erstatten.

Im Januar wird das erste Schiff der Organisation zum Rettungseinsatz zwischen der italienischen Insel Lampedusa und der libyschen Küste aufbrechen. SOS Méditerranée ist es gelungen, hierfür das ehemalige Fischereischutzboot MS-Aquarius von der Reederei Jasmund Shipping zu chartern, das im Notfall bis zu 500 Menschen an Bord aufnehmen kann. Die monatlichen Kosten für das 77 Meter lange Schiff belaufen sich auf rund 250 000 Euro. »Alleine 60 000 Euro benötigen wir jeden Monat für Brennstoff«, erklärt Vogel. Über eine Crowdfunding-Initiative, an der sich bisher 3500 Menschen beteiligt haben, konnte die Initiative den Betrieb für drei Monate abdecken. Doch Vogel ist optimistisch, dass die Hilfe weitergehen wird. Für den Menschenrechtler Heiko Kauffmann, Mitbegründer von Pro-Asyl, ist der Einsatz ein »starkes Signal der Zivilgesellschaft für den Erhalt der humanitären europäischen Werte«.

Vor nunmehr neun Monaten haben Vogel und eine Handvoll Mitstreiter SOS Méditerranée in Berlin gegründet. Das Ziel war von Beginn an klar: »Wir wollen eine dauerhafte Seenotrettung im Mittelmeer voranbringen«, erklärt der Kapitän, der sich von seinem Arbeitgeber, der Reederei Hapag-Lloyd, für sein Engagement bei SOS Méditerranée hat freistellen lassen. Manchmal denkt er an die großen Jachten an der Côte d’Azur. »Wenn die auslaufen und helfen würden, dann hätten wir schon eine ganz andere Situation.«

Anstoß für Vogel, aktiv zu werden, war ein Schockerlebnis. Im November vor einem Jahr stellte die italienische Küstenwache ihr Rettungsprogramm »Mare Nostrum« aus Kostengründen ein, und die EU-Staaten weigerten sich, eine ebenso umfangreiche Hilfe für die Schiffbrüchigen zu leisten. »Dagegen auf der Straße demonstrieren wollte ich nicht«, sagt er. Aber mit einem Schiff vor Ort zu helfen, das wiederum kann sich der Nautiker vorstellen.

Zusammen mit einigen Mitstreitern reiste er im März nach Lampedusa, um auszuloten, ob sie Unterstützung für ihr Vorhaben erfahren würden. Dort trafen sie auch die Bürgermeisterin, Giusi Nicolini, die vor drei Jahren nach einem der mittlerweile vielen Schiffsunglücke für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. In einem öffentlichen Brief beschrieb sie den Schmerz der Inselgemeinschaft, die es nicht geschafft hatte, alle Leichen zu begraben, weil es zu viele waren. »Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden?«, fragte sie und zeigte sich über die Gleichgültigkeit entrüstet. »Mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl (...) hier Menschen sterben, als sei es ein Krieg.«

Nicolini habe den Plan für eine zivile Seenotrettung im Mittelmeer begrüßt, die es in der Nordsee mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger längst gibt, erinnert sich Vogel.

Nun ist es aber nicht einfach, mit einer kleinen, noch im Aufbau befindlichen Organisation an ein Schiff von entsprechender Größe zu kommen. In Kroatien stand SOS Méditerranée bereits in Kaufverhandlungen für ein Schiff. Doch »die Gespräche gestalteten sich schwierig«, erzählt der Kapitän. »Als sich herausstellte, dass das Schiff zahlreiche Mängel hatte, nahmen wir Abstand von einem Kauf.« Parallel dazu bot sich der Organisation aber die Möglichkeit an, die MS Aquarius zu chartern.

Mit der anstehenden Mission will SOS Meditérranée sich in die vorhandene Rettungsstruktur einreihen. Kleinere Boote der italienischen Küstenwache fahren nämlich bereits Einsätze, ebenso wie die Organisation Ärzte ohne Grenzen mit einem Schiff vor Ort ist. Auch die EU-Mission Eunavfor-Med eilt zur Hilfe, wenn die Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung in Rom die Militärschiffe anruft. »Es braucht nur einen Notruf und eine präzise Ortsangabe. Dann ist es ganz einfach zu helfen«, sagt Vogel.

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