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Eine Frage von Macht

Über sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz. Von Godela Linde

Sexualität ist sicherlich mehr als Macht, aber sexuelle Belästigung ist immer eine Art und Weise und ein Ergebnis von Machtausübung. Die Grenzen zum Mobbing sind fließend, manchmal wehren sich Belästigte nicht, weil der Belästiger vielfach mobbt, und sexuelle Belästigung auch durchaus als Mobbingmittel eingesetzt werden kann.

Ein Bürgermeister hatte über Jahre Verwaltungsangestellte bei verschiedenen Gelegenheiten an Arm, Bauch, Hals, Hüfte Po, Rücken, Schulter und Taille berührt und sich auf ihren Schoß gesetzt. Er wusste, dass sich die Frauen von ihm abhängig fühlten, und verstärkte dieses Gefühl noch durch Aussagen wie: »Wer es bei mir verschissen hat, der hat es verschissen.«

Das Gericht nahm ihm ab, dass es sich nicht um ein sexuell bestimmtes Verhalten gehandelt hatte: »Dieses Verhalten ist einerseits begünstigt worden … durch seine Vorgesetzteneigenschaft, kraft derer er in überheblicher Art meinte, auf diese Weise mit seinen Mitarbeiterinnen umgehen zu dürfen. Die Zeuginnen waren somit aus der Sicht des Beamten weniger Zielscheibe und Objekt sexueller Begierde, auch wenn diese selbst eine Vielzahl seiner Annäherungen und Berührungen in dieser Weise auffassen mussten, als vielmehr Opfer seiner Machtausübung.«

Der Bewertung als asexuelle Disziplinierung nach Gutsherrenart (dass »die körperlichen Berührungen einschließlich des sich ›Auf-den-Schoß-setzens‹ durchaus auch dem Zweck gedient hätten, dem Gebot, private Telefongespräche oder private Unterhaltungen im Vorzimmer des Bürgermeisters zu unterlassen, Nachdruck zu verleihen.«) stimme ich keinesfalls zu, und es machte die Übergriffe auch nicht legitim.

Sexuelle Beziehungen sind aber auch Machtbeziehungen. Viele Frauen sagen: Es geht um die Demonstration von Macht. Das wird in Studien so bestätigt, das zeigt auch die hierarchische Struktur, wie sie in zahllosen Urteilen deutlich wird. Das mag auch damit zusammenhängen, dass belästigte Vorgesetzte unangenehme Situationen durch Anwendung ihrer exklusiven Machtmittel rasch beenden könnten. Belästigte Untergebene können das nicht.

Gegenwehr gegen Machtgebrauch und Machtmissbrauch ist immer schwierig und sexuelle Belästigung ist eine besondere Form von Machtausübung, auch ein Missbrauch von Sexualität zu Machtzwecken. Auch wenn es um eine ungerechtfertigte Zurechtweisung geht, um die willkürliche Urlaubsverweigerung, wenn frau das Wort abgeschnitten wird, ihrem Verhalten oder Sprechen mit Spott begegnet wird, ist es schwer, souverän zu reagieren.

Insoweit verbirgt sich hinter der Frage »Was tun« die allgemeine Frage, wie mit Macht umzugehen ist. Hier gelten oft die gleichen Strategien - und daran muss sich die Belästigte erinnern, wenn ihr im Moment nichts einfällt.

Frauen können nicht einfach weggehen (sollen sie auch nicht), wenn sie sexuell belästigt werden, schließlich verdienen sie am Arbeitsplatz ihr Geld. Frau weiß, sie wird den Belästiger immer wieder sehen. Das gilt nicht im gleichen Maß bei Belästigung durch Betriebsfremde (Käufer, Kneipenbesucher, Kunden), aber auch da kann es heikle Höflichkeiten geben.

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