Sieben Tage, sieben Nächte

Wolfgang Hübner über mathematische Entdeckungen und was der Redaktionsalltag damit zu tun hat

  • Lesedauer: 2 Min.

Diese Kolumne beginnt mit einer Entschuldigung. Denn sie handelt von einem Ereignis aus der vorigen Woche. Das gehört sich nicht, aber es gibt Situationen, in denen eine Redaktion innehalten muss.

Es geht um die Primzahl, die größte bisher entdeckte. Alles mit Mathematik ist für die meisten Journalisten der Super-GAU. Was macht man mit einer sensationellen Entdeckung, die vorläufig nur mit einer unverständlichen Formel beschrieben wird: zwei hoch irgendwas Achtstelliges minus eins. Darunter kann man sich ja nichts vorstellen. Also suchten wir nach lebensnahen, politisch korrekten Aspekten, was sich als schwierig erwies, weil die fortschrittlichen Kräfte zum Phänomen der Primzahl nicht Stellung beziehen.

Wir haben uns dann auf ein Grundgesetz des Journalismus besonnen: Erst alle Fakten, dann der Kommentar. Wir beschlossen, die neue Primzahl vollständig zu dokumentieren. Alle 22 Millionen Stellen. Wir haben gerechnet, und das Ergebnis lautet: Die neue Primzahl füllt etwa 75 nd-Ausgaben. Von vorne bis hinten, ohne Bilder und sonstigen Firlefanz. Seitdem befindet sich unser Geschäftsführer in Klausur.

Es wäre jedenfalls eine medienhistorische Sensation. Und es wird nicht langweilig, das versprechen wir. Eine so lange Zahl ist ungeheuer spannend - man weiß nie, was als nächstes kommt. Das kann man nicht von jedem Zeitungsbeitrag sagen. Eine Kostprobe, irgendwo zwischen dreihunderttausendster und fünfmillionster Stelle? »3902845581963«. Die pure Poesie. Na gut, wir können das hier nur sinngemäß zitieren, weil die neue Primzahl noch nicht komplett aus dem Algorithmischen übersetzt ist.

Wenn wir alles dokumentiert haben, kommt die Hintergrundberichterstattung. Zum Beispiel: Wie wird so eine riesige Zahl ermittelt? Irgendwo laufen dafür monatelang Hochleistungsrechner heiß. Manchmal, wenn am späten Nachmittag unsere Redaktionscomputer in den Bummelstreik treten, glauben wir, dass sie an die Primzahljäger vermietet wurden. Vielleicht verdauen sie aber auch nur einen Essay unseres verehrten Großfeuilletonisten.

Übrigens erweitert die Primzahl das redaktionelle Strafregister. Früher wurde jemand nach einer mittelschweren Fehlleistung in die Kaufhalle geschickt, geistige Getränke holen. Das war ein kaufhallenpflichtiges Delikt (unter Fachleuten: KPD). Heute dagegen muss der Delinquent die Quersumme der neuen Primzahl ausrechnen. Ohne Hilfsmittel.

Sobald wir grünes Licht bekommen, geht es los mit der Primzahl. Kann sein, dass dies hier die vorerst letzte nd-Ausgabe mit Buchstaben ist. Und wenn das Thema erledigt ist, könnte gleich der nächste, noch viel größere Knüller folgen: die Zahl Pi. Die ist inzwischen bis auf zwölf Billionen Stellen nach dem Komma berechnet. wh

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