Werbung

Angelikas Flucht

  • Von Celestine Hassenfratz
  • Lesedauer: 7 Min.
Eine Frau aus Bayern macht sich auf den Weg, um zwei syrische Flüchtlinge von Budapest nach Deutschland zu bringen. In Österreich endet die Reise abrupt.

Es ist bereits dunkel, als Angelika auf einem Parkplatz in Österreich zur Schlepperin wird.

»Wo sind die Papiere?« Fragend baut sich der Polizist vor ihr auf. Angelika greift ins Handschuhfach, reicht ihm ihren Ausweis und den von dem jungen Mann, der neben ihr sitzt. »Und die beiden auf der Rückbank?«, will der österreichische Grenzbeamte wissen. »Ich kenne die Frau nicht. Sie hat uns nur ein Stück mitgenommen«, ruft der Mann neben ihr aufgeregt immer wieder. Angelika weiß, dass es jetzt nichts mehr bringt, sich eine Geschichte auszudenken. Die 63-Jährige aus Süddeutschland und der 20-jährige Flüchtling aus Syrien, sie kennen sich seit fast zwei Jahren. »Lass die Lüge sein, Chan«, wendet sich Angelika an den Jungen. Sie weiß, dass es jetzt vorbei ist, die tagelange Fahrt umsonst, die Flucht der Jungen gescheitert.

Drei Tage Fahrt haben Angelika und Chan hinter sich. Was sie tun, ist illegal, das wissen sie. Das wussten sie bereits, als sie in Freiburg in den 27 Jahre alten Toyota stiegen. Chans kleinen Bruder und dessen Cousin jedoch nach tagelanger Flucht nicht abzuholen, das kam für sie nicht in Frage. Im Gegenteil, ihre Idee war es gewesen, als der 17-jährige Hammed seinen Bruder Chan völlig entkräftet von Budapest aus angerufen hatte.

Seit Jahren arbeitet Angelika ehrenamtlich mit Jugendlichen gemeinsam an Filmprojekten. Darüber hat sie Chan kennengelernt. Sie, Mutter und bereits Großmutter, mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen und der Entschlossenheit, dort zu helfen, wo sie nur kann. Er, geflohen vor dem Krieg in Syrien, ohne Familie alleine in Deutschland, den Glauben an das Gute fast verloren, fasst Vertrauen zu ihr. Chan lernt schnell Deutsch, Angelika hilft ihm, sich durch die Bürokratie zu kämpfen, einen Job in einer Pizzeria zu finden und eine eigene Wohnung zu beziehen. Zu der Familie, die mittlerweile auch in die Türkei geflohen ist, der Mutter, dem Vater, der kleinen Schwester, dem Bruder Hammed, hält Chan per Handy Kontakt.

Hammed, der mit 14 Jahren bereits im syrischen Bürgerkrieg kämpfen musste, arbeitet in der Türkei täglich zehn Stunden in einer Näherei. Als er das Geld für die Flucht nach Deutschland endlich zusammen hat, kommt er bei der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland fast um. Das Schlauchboot verliert Luft, sinkt, einige Mitreisende ertrinken, er selbst wird gerettet. 22 Tage dauert die Flucht von Griechenland, Mazedonien über Serbien nach Ungarn. »Dass eine Frau extra aus Deutschland kommt, um mich zu holen, hat mich sehr glücklich gemacht«, erzählt Hammed, als er sich an den Moment erinnert, wie er in Budapest auf Angelika und seinen Bruder trifft.

»Sie wissen, dass Sie eine Schwerverbrecherin sind«, sagt der Beamte auf dem Parkplatz zu Angelika. »Eine Schlepperin.« Es ist das erste Mal, dass dieses Wort fällt. »Wissen Sie, menschlich stimme ich mit Ihnen überein, aber ich tue nur meine Arbeit«, raunt ihr einer der Polizisten zu, als er sie in einen eisernen Käfig im Gefangenentransporter, in den sie und die Jungen verladen werden, einschließt. »Das hat mich am allermeisten wütend gemacht«, sagt Angelika, die grauen Haare in Locken über den Schultern, die Hände auf den Schenkeln abgestützt, die Wut keimt wieder auf in der Erinnerung. »Menschen, die ›nur‹ ihre Arbeit machen - das hat dazu geführt, dass in Deutschland schlimme Verbrechen passiert sind«, fügt sie hinzu.

Im Gefängnis angekommen, wird Angelika von den Jungs getrennt. In einem Raum muss sie sich nackt ausziehen. »Was genau suchen Sie in meinem Hintern?«, will sie von der Beamtin wissen, die sich daran macht sie rektal zu durchsuchen. »Waffen«, so die knappe Antwort.

»Da habe ich kapiert, was die mit mir machen«, erzählt Angelika. »Dass das eigentliche Ziel des Gefängnisses ist, die Menschen zu brechen. Ich habe mich gefragt, wie lange es wohl dauert, bis sie mich gebrochen haben. Es war absurdes Theater, aber zumindest hatte ich ab diesem Moment keine Angst mehr.« Die Nacht verbringt sie in einer Zelle für sechs Personen, ein Fenster, das sich nicht öffnen lässt, die Toilette ohne Absperrung in der Ecke.

Am nächsten Morgen wird Angelika von zwei Polizisten verhört: »Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie zwei Jahre ins Gefängnis kommen können?« »Sie wissen, was vorgestern passiert ist? 71 tote Flüchtlinge in einem Lkw. Sie werden wegen des gleichen Delikts angeklagt.« Der tragische Tod der im Kühltransporter eingesperrten Flüchtlinge, zwei Tage zuvor, ist in den Nachrichten um die Welt gegangen. »Ich habe aus einem anderen Motiv gehandelt«, erklärt sich Angelika. »Sie wollen den Jungen gar nicht. Lassen Sie ihn gehen. Wir wollen ihn. Sein Bruder lebt in Deutschland. Ich habe bereits einen Schulplatz für ihn.«

So geht das Verhör eine Weile. Im Nachhinein kann sie sich nicht mehr erinnern, wie lange das Gespräch gedauert hat. An einen bestimmten Moment aber erinnert sich Angelika genau: Auf einem Formular hatte sie am Vortag ihren Familienstand eingetragen. »Verwitwet« steht dort. Seine Frau, sagt der ältere der beiden Polizisten leise, nachdem er einen Blick auf ihre Akte geworfen hat, sei ebenfalls vor nur knapp drei Monaten verstorben. »Das war der Moment, in dem der Mann mir seine menschliche Seite gezeigt hat«, erzählt Angelika. »Wir werden versuchen, Ihnen zu helfen«, sagt der Polizist und verspricht, den Staatsanwalt anzurufen, um zu prüfen, ob überhaupt Anklage erhoben wird. Noch am selben Nachmittag dürfen Angelika und Chan, er hat bereits einen deutschen Pass, das Gefängnis wieder verlassen. Der minderjährige Hammed und sein Cousin müssen bleiben.

Gemeinsam mit Chan verlässt Angelika schweigend das Gefängnis in Richtung Busbahnhof, ihr Auto ist eine Stunde entfernt geparkt. Der nächste Bus fährt erst in 40 Minuten. Gerade am Bahnhof angekommen, klingelt Chans Telefon. Eine Frau der Caritas ist am Apparat. Wie lange sie bräuchten, um zurück zum Gefängnis zu kommen, will sie wissen. Und: Es müsse schnell gehen. Chan beginnt zu rennen. Angelika springt in ein Taxi. Als sie am Gefängnis ankommt, stehen dort Chan und Hammed mit einer Frau der Caritas. »Sie haben ein Zeitfenster von drei Stunden, um Österreich mit Hammed zu verlassen«, sagt die Frau, »dann muss der Junge zur Fahndung ausgeschrieben werden.« Der Cousin der beiden soll dort bleiben, er ist bereits volljährig, muss in Österreich Asyl beantragen. Dass der minderjährige Bruder gehen darf, hat er den beiden Beamten zu verdanken, die damit gegen jede Vorschrift verstoßen haben. Da ist sich Angelika sicher. Das ist auch der Grund, weshalb alle Namen in dieser Geschichte geändert und die Ortsangaben vage gehalten sind. »Niemals«, sagt Angelika im Interview zwei Tage nach ihrer Ankunft in Süddeutschland im Gespräch, dürften die Beamten deshalb Probleme bekommen. Denn dem traumatisierten Hammed, ist sie sich sicher, hätten die beiden damit das Leben gerettet.

Diesmal nehmen sie direkt ein Taxi zurück zu dem Parkplatz, auf dem ihr Auto steht. Angekommen legt Hammed sich wortlos auf die Rückbank, schläft ein. Chan nimmt wieder neben Angelika Platz.

Kurz vor der deutschen Grenze werden Chan und Angelika nervös, beginnen zu diskutieren. Was, wenn sie wieder erwischt werden. Chan verliert die Nerven, er will mit dem Bruder alleine über die Grenze laufen, sie solle ohne ihn fahren. Angelika vereinbart mit den beiden, dass sie sie an einer Raststätte aussteigen lässt, alleine über die Grenze fährt, um zu sehen, wie sich die Situation gestaltet, und dann wieder zurückkommt. Als sie die Raststätte verlässt, sieht sie ein Schild, »Grenzpolizei«. »Das war der Moment, in dem ich am meisten Angst hatte«, beschreibt Angelika die Situation. Die nächsten 50 Kilometer gibt es keine Ausfahrt. Irgendwann fährt sie über ein Feld von der Autobahn hinunter, verfährt sich, findet die Auffahrt nicht wieder. Die Verzweiflung wächst, sie versucht Chan auf seinem Handy zu erreichen, erfolglos. »Das«, sagt Angelika, »war der schlimmste Moment der ganzen vier Tage.« Nach eineinhalb Stunden findet sie endlich die richtige Auffahrt wieder. Auf der Gegenfahrbahn sieht sie, wie Polizisten gerade einen Transporter anhalten, Frauen mit Kopftüchern aussteigen, Männer, Kinder, offenbar Flüchtlinge. »Jetzt ist es endgültig vorbei«, denkt Angelika, und doch meint es das Schicksal erneut gut mit ihr. Sie findet die Brüder auf der Raststätte wieder. Unbescholten sitzen sie auf einem Bordsteinrand und warten.

Die letzten 200 Kilometer Fahrt sind bloße Erleichterung. Hammed schläft wieder ein auf der Rückbank. Vor der Haustür seines Bruders wacht er auf. »Wo sind wir?«, will er wissen. »Zu Hause«, dreht sich sein Bruder zu ihm um. »Es klingt kitschig, ich sage es jetzt aber trotzdem«, sagt Angelika: »Die Liebe ist immer stärker als der Hass.« Und trotzig fügt sie hinzu: »Ich würde es jederzeit wieder tun.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung