Klimawald statt Biodiversität?

Falscher Klimaschutz bedroht Graslandschaften und vernichtet Artenvielfalt. Von Norbert Suchanek

  • Norbert Suchanek
  • Lesedauer: 3 Min.

Wo kein Baum steht, kann man aufforsten. Mit dieser simplen Begründung werden seit Jahren weltweit Graslandschaften und Brachen im Namen des Klimaschutzes in Baummonokulturen verwandelt. Doch nun melden Forscher verstärkt Kritik an. Die Aufforstung von baumlosen Ökosystemen führe zu Verlust von Artenvielfalt, während der angestrebte Klimaschutz durch vermehrte Bindung des Kohlenstoffs aus der Atmosphäre fraglich sei.

Laut World Ressource Institute (WRI) sollen im Namen des Klimaschutzes weltweit Flächen von insgesamt 1,5 Millionen Quadratkilometern bis 2020 wieder aufgeforstet werden. »Weite Gebiete mit offener Grasvegetation wurden als passend für die Aufforstung identifiziert.« Doch es sei fraglich, ob alle diese Gebiete tatsächlich degradierte ehemalige Waldgebiete sind, warnte der Biologe William Bond von der Universität Kapstadt (Südafrika) kürzlich im US-Wissenschaftsjournal »Science« (Bd. 351, S. 120). Zum Beispiel Madagaskar: Lange Zeit hielt die Wissenschaft die Graslandschaften, die einen Großteil dieser Tropeninsel bedecken, für eine Folge von Abholzungen. Doch jüngste Forschungen stellen dies in Zweifel. Laut Bond wurde in diesen Gebieten eine extrem reiche Vielfalt an nur auf Madagaskar vorkommenden Grassorten festgestellt. Etwa 40 Prozent der 580 gezählten Gräser auf dieser Tropeninsel sind endemisch. Nichtsdestoweniger sind international finanzierte Aufforstungsprojekte für den Klimaschutz seit Jahren auf Madagaskar in Mode, während gleichzeitig alte Wälder geplündert werden.

Alte, ökologisch artenreiche Graslandschaften sind Heimat von einheimischen, oft nomadisierenden Völkern und reich an größeren Tierarten. Laut William Bond sind diese offenen Savannen- und Steppengebiete überlebenswichtig für etwa 500 Millionen Menschen und zahlreiche Säugetiere, die in und von diesen natürlichen Weidelandschaften leben. Außerdem seien die klimatischen Folgen durch Umwandlung von Gras-Ökosystemen in Forste noch nicht gänzlich erforscht. Es wäre eine tragische Ironie, wenn alte Graslandschaften aufgrund von falschen Annahmen durch Baummonokulturen ersetzt würden, so Bond.

Bedroht sind vor allem die Savannen und Graslandschaften Brasiliens, der Cerrado in Zentralbrasilien und die Pampa im Süden. Noch vor dem Klimagipfel in Paris kündigten US-Präsident Barack Obama und seine brasilianische Amtskollegin Dilma Rousseff ein bilaterales Klimaschutz-Abkommen an, das die Aufforstung von 12 Millionen Hektar degradierter und abgeholzter Flächen in Brasilien vorsieht. Doch schon seit Jahren entstehen Holzplantagenprojekte in der Regel nicht auf ehemals abgeholzten und degradierten Regenwaldflächen, sondern in der Cerrado-Region sowie in der Pampa. Die indigene Bevölkerung sowie die seit Jahrhunderten in diesen Gebieten betriebene, nachhaltige, extensive Viehzucht werden verdrängt. Bereits über 50 Prozent des als artenreichste Savanne der Welt bekannten Cerrados gilt als degradiert oder gänzlich vernichtet und durch vor allem Sojaplantagen ersetzt.

»Als ich ein Kind war, gab es überall herrlichen Cerrado. Heute sind viele dieser Gebiete, die ich als Kind kannte, durch Städte, Monokulturen oder durch Staudämme ersetzt«, klagt der brasilianische Biologe Reuber Brandão von der Staatlichen Universität in Brasilia. Und sein Kollege Carlos Bianchi von der Staatlichen Universität von Goías befürchtet, dass nur wenige Naturflächen im Cerrado übrig bleiben werden. Bianchi: »Die Agrarindustrie rückt viel schneller voran, als es der Naturschutz kann.«

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