Panama vor der Haustür

»Wer fast nichts braucht, hat alles. Janosch - die Biografie« von Angela Bajorek

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.
Das ist so ein Satz von Janosch, der am Freitag 85 wird: »Alles zusammengenommen, hätte ich lieber nicht gelebt«. Hat er aber. Ist dabei ein Genie geworden – und hat jahrelang forciert betrunken gezeichnet und geschrieben.

Der gesinnungsgedopte Mensch, besetzt vom Zeitgeschehen, faselt gern vom Großen und Ganzen. Weiß alles besser und wirkt irgendwann, als sei er auch besser. Leider kann er’s nicht besser. Außer beim Thesenpapier- und Zirkelgründungsorgasmus. Der zeichnende, erzählende Poet Janosch schrieb: »Ich floh ein Leben lang vor den Emsigen, die nur in politischen Dimensionen denken können.«

Überhaupt: ein Unkorrekter bis zum Anschlag. Herrlich! Weiberfeindlich, arbeitsscheu, voll Weltekel (»man soll in dieser Welt keine Kinder zeugen - aber natürlich streiche ich meinen kleinen Lesern liebend gern über den Kopf«). Vor Kirchen spuckt er gern aus (»das Beichten hat mich verblödet«). Auf sein eigenes Werk würde er auch gern spucken. Auf sich selber auch. Und lächelt und lächelt. »Alles zusammengenommen, hätte ich lieber nicht gelebt.« Hat er aber. Ist dabei ein Genie geworden - und hat jahrelang forciert betrunken gezeichnet und geschrieben. Wie Alfred Hrdlicka, der bildhauende Berserker am Marmorstein. Janosch ist der Stift-Sensible unter den Flüssiggeist-Genießern (»Selbstgebrannter« hat schon den Dreizehnjährigen von der Gelbsucht befreit). Und Janoschs weltberühmte Tigerente, dies gelb-schwarze Federtier auf Rollen, die stammt nicht mal von ihm, sondern vom Kollegen F. K. Waechter. Ja, Janosch malte sie von einem Waechter-Plakat ab, eine Leihgabe gleichsam. Nie zurückerstattet. »Es heißt immer, wir hätten uns die Erde von unseren Enkeln geliehen. Abgesehen davon, dass diese Enkel genau solche Gauner und Charakterruinen sein werden wie wir - ich bin doch bescheiden, ich habe mir nur so ein blödes Vieh ausgeborgt.«

Aus Janoschs Werken krakelt ein Traum heraus: vom gesellschaftlich legasthenischen Menschen, der also Lernschwierigkeiten hat, wenn es ums Verständnis neuester ordentlicher Verhaltensregeln geht. Lari Fari Mogelzahn, der lügende Nussknacker. Onkel Poppoff, der auf Bäume fliegen kann. Die Maus Schimanski, die unglaublich viel Kraft in der rechten Pfote hat. Böllerbam und Schnuddelbuddel. Diese Poesie erinnert an Leute, die immer ein wenig zurückbleiben, die wie Ansichtskarten sind, die einer geschrieben hat, der beim Diktat regelmäßig falsch schreibt - da ein Komma zu viel, da ein Tintenklecks, da ein Buchstabe ungelenk übermalt, da eine falsche Silbentrennung, die Schrift ein wenig schleppend, hinkend. Solche Post lebt, hat Atem, wirkt ganz anders als eine glatte, unbefleckte, aber völlig unpersönliche Signalgebung. Janosch ist genau dies: Pflege und Schutz des individuellen Fehlers.

Ganz bei sich ist der Mensch da, wo er noch bestimmt wird von etwas Unbotmäßigem. Janosch verehrte ein Leben lang die Deserteure aus dem Nazikrieg. »Dazu gehörte mehr Mut, als die Bewohner eines Dorfes zu ermorden.« So sagt er es in der Biografie »Wer fast nichts braucht, hat alles« von Angela Bajorek, Germanistin in Krakow. Polen ist Janosch sehr nah. Geboren wird er 1931 im Vorort des oberschlesischen Hindenburg. Heute Zabrze. Und er sieht sich als Pole, »der alles anders macht als ein Westmensch«, so sagt er seiner Biografin. Ist ihr gegenüber, im Gespräch, der augenzwinkernde Sarkastiker, der geistig Freie und Unverblümte.

Janosch heißt Horst Eckert. Einst kündigte ihn die Sekretärin eines Verlages falsch an beim Chef, denn eigentlich war ein gewisser Janosch avisiert - der Verleger hatte kein Interesse an der Verkomplizierung der Situation: »Jetzt bleibst du für mich Janosch, Punkt!« Zweimal wurde er abgelehnt von der Kunstakademie, keiner kaufte seine ersten Bücher. »Holz und Kraut«, so charakterisiert er seinen »Seelengeruch«. Geruch der Kindheit, unter deren grauen niedrigen Himmeln Horst sich ducken musste, denn über ihm schwang oft die Pferdepeitsche des Vaters. Ein saufender Vater, eine bigotte Mutter. Kindheit mit dem schönen Satz: »Gott weiß, was er tut.« Dieses Jesuitenwort wurde dem Jungen als Erklärung hingeworfen, als man die Juden durch die Stadt trieb.

Ein kränkelndes Heranwachsen (trotzdem Lehre als Schmied), eine ungeliebte Schule (»ich weiß fast nichts, das macht mich so angreifbar«), eine triste Praxis als Hemdenmusterentwerfer. Elend, oder? Letztlich jedoch eine tolle Fülle Kinderbücher, über zwölf Millionen mal in aller Welt verkauft. Aber am Ende, sagt Janosch, hast du doch nur die Arschkarte. Viel ist gewonnen, wenn der Arsch wenigstens in der Wärme sitzt: Janosch lebt seit Jahren auf Teneriffa. Wenn man so weitab in der Hängematte liegt, wird alles unwichtig. Geld, Ruhm, das Nachdenken über den Sinn.

Die etwas unkonzentriert, ungelenk wirkende Biografie Bajoreks kreist um diese Selbstsicht des strubbligen Räsoneurs: »Ich denke nicht darüber nach, was ich mache. Alles ist nur ein Spiel. Ohne Sinn. Fußball hat auch keinen Sinn. Und das Leben hat auch keinen Sinn.« Der Erfolg wurde ihm irgendwann unwichtig. Er hatte gute Garanten, dieser Erfolg: Hannes Strohkopp oder Cholonek oder Siebenschläfer Piezke oder die herrlich unbekümmert vögelnden Hühner, die den Erwachsenen die Aufklärungspein abnehmen.

Es ist immer wieder erstaunlich, über welche Unlogik ein Leben zu Würde und Wohlfahrt findet: so viel Grauen, so viel Angst und Beschneidung, so viel psychischer Dreck und Druck im Kinderleben des Horst Eckert - und wie viel Liebe, Leichtigkeit, Sanft- und Anmut in den Geschichten des Janosch. Man möchte zurückschrecken vor dem entsetzlichen Gedanken, das Böse sei (mitunter!) der wirksamste Impuls für das Gute. Wo wir zurückschrecken, ist freilich nicht selten eine Wahrheit getroffen.

»Oh, wie schön ist Panama«. Natürlich hatte Janosch gesoffen, ehe er auf diese Idee der Ideen kam. Du haust ab - um zurückzukehren. Du träumst von der Ferne - um daheim zur Besänftigung zu kommen. Der Bär und der Tiger und deren Erweckungserlebnis: wieder anzulanden - aber doch jetzt erst recht zu denken, man sei in der weiten Welt. Immer bist du dort, wo du nicht hin willst. Blüte und Bürde der Illusion. Mach die Haustür auf, und du bist schon auf allen nur möglichen Kontinenten; du musst natürlich, neben der Haustür, auch Augen und Ohren aufsperren.

Wie war das? Der gesinnungsgedopte Mensch, ob in Position oder Opposition, faselt vom Großen und Ganzen. Ja. Dagegen schlägt Janoschs Philosophie erheiternd entzwei. Denn nur in den Bruchstücken leuchtet das Leben wie ein Brillant. »Ich schenke dir ein Osterei,/ wenn es zerbricht, so hast du zwei.« 85 wird der geniale Künstler an diesem Freitag.

Angela Bajorek: Wer fast nichts braucht, hat alles. Janosch - die Biografie. Aus dem Poln. von Paulina Schulz. Ullstein Verlag Berlin. 304 S., geb., 22 €. Zum Weiterlesen: Janosch: Vielleicht ist auch alles Unsinn, was ich sage. Die allerbesten Geschichten, Bilder und Gedichte aus 50 Jahren. Beltz. 176 S., geb., 19,95 €. Janosch: Wörterbuch der Lebenskunst. Little Tiger Verlag. 95 S., geb., 13,95 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung