Die im Dunkeln sitzen, 
sieht man nicht

Caritas-Projekt in Westfalen versucht, Menschen 
bei der Überwindung von Energiearmut zu helfen

  • Von Vom Marcus Meier, Lüdenscheid
  • Lesedauer: 7 Min.
Sind Wärme und Strom jetzt keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Almosen? In Lüdenscheid übernimmt die Caritas Schulden von Menschen, die ihre Strom- und Gasrechnung nicht zahlen können.

Lüdenscheid ist als »Stadt des Lichts« bekannt. Lichttechnik und Lichtkunst stehen hier hoch im Kurs. Erfolgreiche Unternehmen der entsprechenden Branchen haben sich in der Kreisstadt im Nordwesten des Sauerlands angesiedelt, es gibt sogar einen »Masterplan Licht«, bei dem es um die kunstvolle Illuminierung der städtischen Schokoladenseite geht.

Doch spätestens seit der Wirtschaftskrise 2008, die die westfälische Stadt hart traf, droht mancher in dunkler Wohnung zu sitzen. Kurzarbeit, steigende Energiekosten und ein Jobcenter, das seit ein paar Jahren die maximal zulässigen Mietkosten senkte, weshalb schlecht isolierte Wohnungen boomen, was wiederum die Heizkosten in die Höhe treibt: »Energiearmut hat nicht viel damit zu tun, dass die Menschen schlecht wirtschaften, auch wenn das natürlich vorkommt«, sagt der lokale CaritasDirektor Hans-Werner Wolff.

»Caritas spendet Wärme und Licht«, preist der katholische Wohlfahrtsverband ein neues Projekt an. Die »bundesweit beispiellose Aktion« soll Menschen helfen, die Schulden bei Energiedienstleistern haben und bei denen andere Maßnahmen versagen. Zunächst müssen natürlich Behörden wie das Jobcenter ran. Dann redet man über Darlehen. Zur Not zahlt die Caritas selbst einen Teil der Schulden.

Sind Strom und Wärme also keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern zu Almosen mutiert? Die »Spende«, für die ein Fonds gebildet wird, soll »über eine Durststrecke hinweghelfen«, betont Wolff. Sie sei natürlich keine dauerhafte Lösung. »Eigentlich«, betont der Caritas-Chef, »müsste der Hartz-IV-Satz für Energie um 30 Prozent erhöht werden.«

Unter Energiearmut leiden Millionen Menschen in diesem Land. Das heißt: Sie können sich die steigenden Energiekosten kaum leisten oder werden dadurch in die Armut getrieben. Fast 352 000 Mal wurde in Deutschland im Jahr 2014 die Stromleitung gekappt. Dann gehen zumindest temporär Lichter und eventuell auch die stromabhängige Heizung aus.

»Und man siehet die im Lichte / die im Dunkeln sieht man nicht«, dichtete Bert Brecht einst für die Verfilmung seiner Dreigroschenoper. Und in der Tat: Die Betroffenen bilden keine starke Lobby, treten nicht an die Öffentlichkeit. Wer will sich schon gerne als jemand outen, der die Stromrechnung nicht begleichen kann?

Seit Jahren bietet die Caritas in vielen deutschen Städten staatlich finanzierte Energieberatungen für sozial Schwache an. Auch in Lüdenscheid. Energieberater, oft umgeschulte Langzeitarbeitslose, besuchen Betroffene in deren Wohnungen und schauen, wo sich Energie sparen lässt. Baden verbraucht drei Mal so viel Energie wie Duschen, weil viel mehr Wasser erhitzt werden muss. Läuft der Fernseher stundenlang nebenbei? Tipp: Einfach mal abschalten! Oder schluckt er zu viel Strom im Stand-by-Betrieb? Eine abschaltbare Steckerleiste hilft. Die bringen die Energieberater der Caritas mit.

In ihren Papiertüten sind zudem Informationsmaterialien und durchaus hochwertige Energiesparleuchtmittel namhafter Hersteller. Alles kostenlos für den Energiearmen. »Monitoringbesuche« heißen diese Vor-Ort-Beratungen. Im Schnitt sparen die Haushalte danach 126,63 Euro pro Jahr ein - und 260 Kilogramm des Treibhausgases Kohlendioxid, so die offizielle Statistik der Caritas.

Prinzipiell wird auch der Kauf effizienter Kühlschränke gefördert: Der Staat übernimmt die Hälfte der Anschaffungskosten. Die andere Hälfte muss der Einkommensschwache aber selber bezahlen. »Und das ist meist zu viel Geld auf einen Schlag, so unsere Erfahrung«, sagt Caritas-Direktor Wolff, ein bekennender Anhänger des FC Schalke 04.

Also laufen die vorhandenen Geräte weiter: meist alte und preisgünstige, also Stromfresser. Auf Dauer würde sich die Anschaffung des effizienteren Geräts lohnen. Doch wer rechnet schon auf Dauer, wenn die Kasse sich schon zur Monatsmitte hin bedenklich leert?

»Erst wenn die Energiewende sozial tragfähig erscheint, behält sie die breite Akzeptanz. Ansonsten holt uns eine Gerechtigkeitsdebatte ein«, sagt Michael Kopatz und nippt an seiner Wasserflasche. Der Sozialwissenschaftler leitet die Abteilung »Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik« beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, einer einflussreichen Denkfabrik der ökologischen Modernisierung. Für Energiearmut macht Kopatz drei Hauptursachen aus: erstens das niedrige Einkommen, zweitens den Gebäudetyp - insbesondere Häuser mit auf den ersten Blick günstig erscheinender Miete sind nicht gut isoliert - und drittens den Lebensstil der Betroffenen.

»Diese Menschen haben aber keinen höheren Stromverbrauch als andere, weil sie so verschwenderisch leben«, räumt Kopatz mit einem gängigen Klischee auf. Das lasse sich schlicht nicht statistisch belegen. Das Gegenteil sei richtig: »Je größer das Einkommen, desto höher der Energieverbrauch.«

Auch sei die Energiewende in den unteren Schichten nicht umstrittener als in anderen Gruppen der Bevölkerung: »Der Ausbau der erneuerbaren Energien findet eine Zustimmung von 70 bis 80 Prozent der Bürger, und zwar quer durch alle sozialen Milieus.« Das sei auch richtig so: »Nur mit der Energiewende kommen wir los von endlichen Ressourcen, nur so bleibt Energie auf Dauer bezahlbar. Wir brauchen die Energiewende für die soziale Gerechtigkeit, wir müssen sie aber fair gestalten.«

Strategien gegen Energiearmut gibt es viele. Ansatz eins: Arme sollen mehr Geld bekommen, beispielsweise, indem die realen Stromkosten in den auch in dieser Hinsicht unrealistischen Hartz-IV-Regelsatz eingerechnet werden. Ansatz zwei: Der staatliche Anteil an den Energiekosten könnte gesenkt werden, zum Beispiel, indem man pro Haushalt eine gewisse Grundmenge an Elektrizität von der Stromsteuer befreit. Das schlägt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor.

Die beiden linken Sozialdemokraten Birger und Jendrik Scholz wollen lieber die Ökostromumlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) abschaffen und die Energiewende aus dem allgemeinen Steueraufkommen statt über die Stromrechnung finanzieren. Zur Gegenfinanzierung fordern sie einen »EEG-Soli«, einen prozentualen Zuschlag auf die Einkommensteuer also. Mit dem Einkommen des Bürgers steigt die Steuer und mit ihr der Soli. Die Gebrüder Scholz halten das für sozial gerechter.

Andere setzen eher beim Konsumverhalten der Armen an: Sie sollen lernen, wie man Strom spart oder intelligenter heizt, so weniger Energie verbrauchen und damit Geld sparen. Ein weiterer Ansatz: die 1000-Watt-Lösung. Bei Stromschulden wird der Strom nicht abgeschaltet, sondern der maximale Verbrauch auf 1000 Watt gedrosselt. So ließen sich immerhin noch zwei Herdplatten und mehrere Energiesparlampen betreiben. Auch Prepaid-Lösungen wie bei Handys sind beim Stromverbrauch erfolgreich angetestet worden. »Zum Beispiel in Irland«, berichtet Michael Kopatz, der Experte vom Wuppertal Institut.

Nützlich auch für Arme wäre das aus Japan stammende »Top-Runner«-Programm: Die Geräte von morgen müssen mindestens die Energiesparstandards der grünsten Geräte von heute, also der aktuellen »Top Runner«, erfüllen. Sonst drohen den Herstellern Bußgelder oder gar Verkaufsverbote. So wären energieeffiziente Geräte plötzlich Massenware und würden dank Massenproduktion preisgünstiger: nicht erst bei der Nutzung, sondern schon im Geschäft.

Allein selig machend ist keiner dieser Ansätze, es bedarf wohl einer klugen Kombination. Auch stehen oft soziale und ökologische Zielsetzungen im Widerspruch. Der energieeffiziente Fernseher läuft länger, weil er ja so wenig Strom schluckt. Der A+++-Kühlschrank erzeugt in der Mittelschichtsküche einen guten Eindruck und ein ebensolches Gewissen. Das ineffiziente Altgerät wird nicht entsorgt, sondern brummt derweil im Keller zusätzlich weiter. Ergebnis: Plötzlich laufen zwei Kühlschränke und der Energieverbrauch sinkt nicht, sondern steigt. Experten sprechen vom Rebound-Effekt.

»Strom gespart, Fußball gekauft«, steht auf dem Plakat, das an der Bürotür der Energieberater der Caritas Lüdenscheid prangt. Es zeigt einen glücklichen Sohn auf den Schultern eines zufrieden dreinblickenden Vaters. Mit Hilfe der Aktion »Stromspar-Check« könnten Haushalte einiges an Geld sparen.

Die Folge ist natürlich ebenfalls ein Rebound-Effekt: Das durch Energiesparen frei werdende Geld wird in Konsumgüter investiert, hier: einen Fußball. Wer könnte es der einkommensschwachen Familie verübeln, die ja viel weniger konsumiert als Menschen aus der Mittel- oder gar Oberschicht?

Das Problem: Bei der Herstellung des Fußballs werden ebenfalls Energie und Rohstoffe verbraucht. Real wird die Umwelt also eher nicht entlastet. Und schon wieder ist man geneigt, an Bert Brecht zu denken, diesmal an die Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens.

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