Als Moby Dick auf Bonn zuschwamm

Vor 50 Jahren sorgte ein weißer Wal im Rhein für Aufregung - erst nach einem Monat rettete er sich ins Meer

  • Von Ulrike Hofsähs, Bonn
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Besucher aus der Arktis versetzt die Menschen am Rhein vor 50 Jahren in Aufregung: Ein weißer Wal hat sich in den Fluss verirrt. Seinen Namen hat der Gast schnell weg: Moby Dick.

Am 18. Mai 1966 funkt die Besatzung eines Tankschiffs an die Wasserschutzpolizei in Duisburg schier Unglaubliches: Weißer Wal im Rhein gesichtet. Die Polizei glaubt erst, die Männer an Bord seien betrunken. Dann aber entdecken auch die Beamten den hellen und etwa vier Meter langen Beluga im trüben Rhein. Die Sensation ist perfekt. Beheimatet sind die auch Weißwale genannten Tiere eigentlich in arktischen und subarktischen Gewässern.

Moby Dick, wie der Wal nach dem gleichnamigen Roman genannt wird, elektrisiert die Menschen. Der damalige Direktor des Duisburger Zoos will das exotische Tier fangen, die Mehrheit aber wünscht dem verirrten Wal die Freiheit. Von Duisburg bis hinter Bonn stehen die Menschen in Scharen am Flussufer.

»Ich habe ihn etliche Male gesehen, weil er immer in Begleitung von Wasserschutzpolizei und etlichen Sportbooten auf dem Rhein unterwegs war«, erinnert sich Werner Proff. Der heute 77-Jährige war vor 50 Jahren täglich auf dem Fluss - als Steuermann auf der »Bismarck«, einem Radschiff der Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt. Einmal sei Moby Dick ganz nah gewesen. »War ein schöner Kerl, enorm groß«, erzählt Proff. »Hin und wieder hat man gesehen, wenn er eine Wasserfontäne hochgeblasen hat.«

Bis heute weiß man nicht, wie sich der Gast aus dem eisigen Meer in den Rhein verirren konnte. »Es ist etwas, was man nicht mehr erleben wird«, ist sich Volker Grün, Kurator im Duisburger Zoo, sicher. Während der rund vier Wochen im Fluss verlor Moby Dick sein strahlendes Weiß, sah zunehmend scheckig und grau aus, erinnert sich Proff. Der Rhein war damals eine trübe Brühe, die Wasserqualität viel schlechter als heute.

Irgendwie muss der Wal trotzdem etwas zu fressen gefunden haben - den Ausgang zum Meer jedoch nicht. Mit Netzen, Stangen und Betäubungspfeilen versuchten selbsternannte Waljäger, den weißen Koloss zu fangen. Der aber entkam, immer wieder. In der damaligen Bundeshauptstadt Bonn stahl er sogar der Politik im Bundestag die Schau: Die Pressetribüne war mit einem Mal leer, als die Nachricht vom nahen Wal die Runde machte. Auf der Höhe von Bonn brachte der Beluga auch die »Bismarck« in Schwierigkeiten: Als der Wal auftauchte, waren die Passagiere nicht mehr zu halten und rannten zu der Seite. »Das Schiff hat Schlagseite bekommen, so dass wir nicht mehr fahren konnten. Alles wollte den weißen Wal sehen«, erinnert sich Proff. Porzellan und Gläser polterten aus den Schränken. »Alles rausgefallen, da haben Berge von Glas und Scherben gelegen.«

Nach etwa einem Monat und mehreren Kehrtwendungen schwamm Moby Dick doch noch erfolgreich Richtung Meer. Um den 16. Juni erreichte er endlich die Nordsee.

Einen Moby Dick gibt es seit 1976 wieder auf dem Rhein: Das Ausflugsschiff in Form eines Wals fährt zwischen Köln, Bonn und Linz. Und die Wasserschutzpolizei Duisburg verwendet für ihren Polizeifunk immer noch den Funkrufnamen »Beluga« - das kann doch kein Zufall sein. dpa/nd

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