Werbung

Theater verändert Leben

Hof des Hochsicherheitsgefängnisses von Volterra wird einmal im Jahr zur großen Bühne: Die »Compagnia della Fortezza« adaptiert große Theaterkunst

  • Wolf H. Wagner, Florenz
  • Lesedauer: 3 Min.

Tragödien, Dramen, Kriminalstücke – ob Shakespeares Hamlet oder Brechts Dreigroschenoper, die Compagnia della Fortezza adaptiert große Theaterkunst. Der Hof des Hochsicherheitsgefängnisses von Volterra wird einmal im Jahr zur großen Bühne. Im 30. Jahr des Bestehens ist wieder einmal Shakespeare im Zentrum des Spiels.

»Nach dem Gewittersturm – ein unbekanntes Werk von Shakespeare«, heißt das Stück, das der neapolitanische Dramaturg und Regisseur Armando Punzo mit seinem Ensemble darbietet. Ähnlich Heiner Müllers Hamletmaschine verfremdet Punzo den Barden, holt die Texte – hier aus Macbeth, Richard III. und Othello – in die Gegenwart. »Shakespeare zeigt in seinen Stücken eine große Humanität und gleichzeitig, dass diese in seiner Gesellschaftsperiode nicht umzusetzen ist«, erklärt Punzo seine Textauswahl. 400 Jahre nach dem Tod des großen englischen Dichters scheint sich daran nichts geändert zu haben.

»Über unseren Köpfen tost der Sturm, unsere Schiffe versenkend. Wer überlebt, zieht in die Schlacht. Raben über den Heeren künden vom Untergang, diese Welt ist am Ende« – dramatisch klingen die Worte, gesprochen von Tony Waychey. Der Nigerianer kam mit einem Flüchtlingsboot aus Nigeria nach Italien, floh hier aus dem Aufnahmelager, handelte mit Drogen und kam so folgerichtig in die Haftanstalt. Ein Schicksal, wie es viele hier vorweisen können. Camorristi aus Neapel, Mafiosi aus Sizilien, Chinesen aus den Triaden oder Häftlinge, die noch in Freiheit für russische oder ukrainische Banden unterwegs waren.

Sie alle haben lange Haftstrafen bis hin zu lebenslänglich abzusitzen. Sie alle vereint hier in der alten Medici-Festung die Möglichkeit, über das Theater Kontakt zu einer anderen Welt, zu einer anderen Kultur zu finden. Und vielleicht auch einen Ausweg aus ihrem kriminellen Vorleben. Sicher ist dieser Ausweg nicht. Gesichter und Körper der Akteure spiegeln ein tief empfundenes Misstrauen in die Gesellschaft, auch noch in die Möglichkeit des Theaterspielens wider. Der Sturm brodelt in ihnen, wie zum Bild passend tobte am Premierentag in diesem Sommer ein Gewitter über Volterra.

Als Punzo vor 30 Jahren aus Neapel nach Volterra kam, war es ein Experiment, im Gefängnis für Schwerkriminelle eine Theatergruppe zu gründen. Inzwischen gehört die Compagnia della Fortezza zur Stadt wie die zahllosen Alabasterwerkstätten. Das Theater hat nicht nur Volterra, sondern vor allem auch das Leben vieler Häftlinge verändert. »Ich verdanke Armando mein neues Leben, ich verdanke der Kunst, dass sie mein Leben verändert hat« – dies deutliche Bekenntnis gibt Aniello Arena, einer der Ensemble-Stars, ab. 1992, nach Clanauseinandersetzungen in Neapel, bei denen drei gegnerische Camorristi erschossen wurden, wurde Arena verhaftet. Dreimal lebenslänglich lautete das Urteil. Seit Jahren verkörpert Arena Hauptrollen in den Stücken. 2012 erhielt der Film »Reality« des Regisseurs Matteo Garrone (auch Gomorrha) den Grand Prix der Jury in Cannes. Arena wurde 2013 für den Golden Globe nominiert, erhielt im selben Jahr das Silberne Band für seine Hauptrolle in »Reality«.

Das diesjährige Festival stand unter dem Motto »La Città ideale«, eine ideale Stadt, angelehnt an Utopia von Thomas Morus. Punzo ist ein Träumer, der auf eine bessere Welt hofft. Der versucht, diesen Traum im kleinen Rahmen des Gefängnistheaters und über die Mauern des Kerkers hinaus wenigstens in die Stadt zu tragen. Eine Hoffnung, die er auch auf seine Häftlingsschauspieler überträgt. Es ist etwas, wie es der ukrainische Akteur Nikolin Bishkashi im Schlussbild des Stückes ausdrückt: »Als ob die Welt in diesem Moment neu beginnt.«

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können - marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten - brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das nd mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal