»Nu isch alles g’schwätzt!«

In Ulm dreht sich irgendwie alles ums Münster

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 6 Min.

D.O.M. Mit diesen drei Buchstaben bringt man die Ulmer ziemlich sicher in Fahrt. Und erhält kostenlos einen Minivortrag in Stadtgeschichte: Nein, Ulm habe eben keinen Dom, heißt es dann, sondern ein Münster. Denn die mitten in der Stadt aufragende, graue, gotische Kathedrale, in respektvollem Abstand umlagert vom überschaubaren Altstadtensemble, das sei nun mal keine von der Kirche finanzierte Kirche. Und also kein Dom! Vielmehr hätten Ulms Bürger sie ganz alleine bezahlt - damals, ab 1377. Und in just jenem Jahr auch nicht zugelassen, dass ein Bischof den Grundstein legt, sondern Ulms Bürgermeister.

»Ja, die Leute hier können sehr prinzipienfest bis bockig sein«, sagt Stadtführerin Daniela Brandt. Woran man’s erkennt? »Entschlossen verschränkte Arme«, sagt sie, macht’s vor und übersetzt die Geste ins Schwäbische: »Nu brauchst nix mehr schwätze, nu isch alles g’schwätzt!« So sei es damals auch mit den Kirchenoberen gewesen. »Mit ihnen lagen die Ulmer über Kreuz und wollten sich ihr Münster natürlich nicht als Pfarrkapellchen verspotten lassen«, erklärt Brandt, auch deshalb sei der Bau so groß geworden: 20 000 Menschen passen rein - leicht überdimensioniert bei gerade mal 8000 Einwohnern, die Ulm seinerzeit hatte. Später kam dann noch dieser besondere Kirchturm dazu - bis heute der höchste der Welt.

Schnauf, keuch, taumel! 768 steile Wendeltreppenstufen muss man rauf, bis zum 360-Grad-Ausguck knapp unter der Kirchturmspitze - 161,53 Meter überm Münster. Die Schnellsten beim alljährlichen Ulmer Turmlauf brauchen knapp unter drei Minuten da hoch, flotte touristische Marschierer ohne Pause drei Mal so lange. Der Weg führt am Turmwärterbüro an einer Schwarz-Weiß-Fotogalerie vorbei: St. Pauls Cathedral (London), Petersdom (Rom), Sagrada Familia (Barcelona), Moschee Emir Akhbar (Kairo). Am Ende dieser noch viel längeren Reihe, drei Mal so groß und in Farbe - das Ulmer Münster. Klare Botschaft: Wir sind die Sieger in der Kathedralen-Champions League!

Der Turmausblick nach Ulm hinein und um Ulm herum lohnt: Zwischen akkuraten Spitzgiebeln, Gassen und Rotschindeldächern glitzert eine XXL-Glaspyramide: die Stadtbibliothek, neben dem Museum Weishaupt einer der modernen Architekturakzente in Ulms geschickt verkehrsberuhigter »Neuer Mitte«. Wieder dort unten in Ulms Erdgeschoss angekommen, werfen wir noch schnell einen Blick ins fast spartanisch ausstaffierte Münster selbst und auf das dort ausgestellte Modell des »Lego-Münsters«. Dann ein kurzer Plausch mit Rita Solt, die seit über zwölf Jahren an der Kasse des Münsters arbeitet und gern erzählt: Von Herrn Graner etwa, dem Extrem-Marathonläufer, der morgens vor Öffnung des Turms kurz hoch und runter rennt. Nicht einmal, dreimal hintereinander. Ja, und Bergretter, die Besucher mit ausgekugelten Knien oder Atemnot aus dem Turm holten, hat Frau Solt auch schon erlebt.

Wer das Münster hinter sich lässt, den entlässt es doch nie so ganz. Denn Ulm hat einen Vogel - einen allgegenwärtigen - mit enger Verbindung zum Münster: Dieser Ulmer Spatz hockt als Kunststoffskulptur an Hauswänden, auf Metallstäben in Beeten und Bächen oder im Pendel einer Kaufhausuhr. Der Legende nach mühten sich Ulmer Arbeiter beim Münsterbau mit einem Balken ab, den sie partout nicht quer durch ein Tor bugsieren konnten. Drauf und dran, das Tor einzureißen, sahen sie einen Vogel, der beim Nestbau einen langen Halm längs anstatt quer durch eine Öffnung schob und dachten sich: Dann machen wir’s doch am besten genauso wie er. Obwohl es der Überlieferung nach kein Spatz, sondern ein undefinierbarer größerer Piepmatz war und die Ulmer Arbeiter bei der Sache eher als Tölpel dastehen, bekam die Geschichte ab etwa 1826 Sagenstatus, der Spatz ab 1858 einen Ehrenplatz auf dem First des Münsters und seitdem zunehmend auch im Stadtmarketing: Spatzen nennen die Ulmer sich nicht nur selbst, sondern auch ihre Zweitligakicker sowie ihren Kinderchor. Und der besonders pfiffige Konditor Tröglen verkauft - vis a vis vom Münster - täglich Nougatspatzen in Schwarmstärke und Schokobruch mit dem schönen Namen »Spatzendreckle«.

Garantiert spatzenfrei, dafür aber wie tätowiert wirkt die Rathausfassade aus dem 16. Jahrhundert, und es macht Spaß, meterlange, comicartige Mittelalterfresken zu enträtseln, die von »Krigserbarkait« und »Künhait« künden. Mittendrin Rätsel Nr. 2: Die Astronomische Uhr von 1581 gleicht einer riesigen, reich verzierten Brosche mit Goldhand als Stundenzeiger, dazu überladene Monats-, Tierkreis- und Sonnenfinsternisringe. Um die Ecke liegt Ulms Ex-Slum: das Fischer- und Gerberviertel, verfallen, fertig zum Abriss in den 1980ern - heute restauriertes Fachwerkidyll mit schmalen Stiegen, Plätscherbach und Mühlrad. Es war einst das Reich des »Königs von Ulm«: Dazu ernannt von Studenten, defilierte der 2006 verstorbene Rudolf Dentler mit Krone, Samtpulli und Ledermantel auf einem Damenrad durchs Viertel, und er hielt Reden vom noch heute an seinem Haus hängenden Thron. Er war ein schräger, kreativer Juwelier, der mit über 40 Jahren das Balletttanzen lernte und nicht nur am Ulmer Theater, sondern auch am Moskauer Bolschoi auftrat. Seine Tochter Ira zeigt gerne Fotos und erzählt dazu im Ladenmuseum in der Gerbergasse 3 Geschichten über ihren Vater.

Ein paar Schritte weiter befindet sich die einst von Napoleons Truppen geschleifte Stadtmauer, von den Ulmern pragmatisch zur hochgebockten Spazierpromenade umfunktioniert, teilweise noch mit »Höhenwohnlage«: »Stüble oben, Zimmerle unten«. Ulms einstige Soldatenhütten sind erschwingliche Puppenstubenhäuschen - auf der Stadtmauer gelegen, mit Schrebergarten vor der Tür.

Dösen, sonnen, Leute gucken - das geht am besten im Judenhof, einem schattigen, von Läden und Lokalen gesäumten Karree, sowie am Donauufer. Aber Achtung: Enten füttern ist hier streng verboten und eigens geregelt in § 13 der Ulmer Polizeiverordnung. Wer sein Brot partout ans Schnattervieh loswerden will, muss vom baden-württembergischen Ulmer Ufer aufs gegenüberliegende bayerische nach Neu-Ulm wechseln - dort ist Entenfüttern erlaubt.

Ein lohnendes Ziel ist Ulms Kuhberg. Hier steht, architektonisch ins Landschaftsbild eingepasst und nach Bauhausvorbild errichtet, die Hochschule für Gestaltung (HfG). Gegründet wurde sie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg unter anderem von Otl Aicher und seiner Frau Inge Scholl, der Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl. Bis zu ihrer Schließung aufgrund interner Querelen sowie Finanzstreitigkeiten mit Bund und Land im Jahre 1968 erfand und prägte die HfG deutsches Industriedesign. Davon erzählt das ebenso versteckte wie beeindruckende kleine Museum »HfG Archiv Ulm«; es zeigt hier erfundene Designklassiker wie den 50er-Jahre-Plattenspieler »Schneewittchensarg« (hieß so wegen der erstmals verwendeten Plexiglashaube), das weiße Jugendherbergs-Stapelgeschirr und die erste Version des bis heute gültigen Markenbildes der Lufthansa.

Infos

www.tourismus.ulm.de

Besonderer Übernachtungstipp: Als weltweit schiefstes Hotel steht das Hotel Schiefes Haus im Guinness Buch der Rekorde. 1406 erbaut, sackte das Fachwerkgebäude stetig in Schräglage, die seine Besitzer ausglichen, indem sie innen solange neue, waagerechte Böden reinlegten, bis ihre Köpfe unter die Decke stießen. 1994 verfallen und leer, restaurierte Hotelier Günter Altstetter das Haus liebevoll. Alle elf Zimmer haben schiefe Balken, Böden und Fenster - zuerst irritierend fürs Auge. Immerhin steht das Bett gerade - die eingebaute Wasserwaage beweist es. www.hotelschiefeshausulm.de

Mobilität: Die Ulm-Card (12 €/Tag) bietet freien Eintritt in acht Museen, vergünstigten Eintritt z.B. in den Münsterturm und Ermäßigungen beim Einkaufen. Erhältlich bei der Tourist-Information (Stadthaus) auf dem Münsterplatz 50.

HfG-Archiv Ulm: geöffnet dienstags bis sonntags von 11-17 Uhr. www.hfg-archiv.ulm.de.

Besuchstipp: Vom 21. November bis 22. Dezember findet rund um das Ulmer Münster ein Weihnachtsmarkt statt. Das Weihnachtsdorf mit mehr als 130 Ständen ist täglich von 10 bis 20.30 Uhr geöffnet und zieht alljährlich mehr als eine Million Besucher aus aller Welt an.

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