Im Labyrinth der Seele

Von Ärzten, Selbstversuchen und dem Mut, sich gegen den Zeitgeist zu stellen

Der Sohn eines jüdischen Textilkaufmanns war sieben oder acht Jahre alt, als sein Vater zu einem Bekannten sagte: »Aus dem Buben wird nichts werden.« Diese Bemerkung kränkte den Heranwachsenden tief, aber sie stachelte auch seinen Ehrgeiz an. Auf dem Gymnasium war er sieben Jahre lang unangefochten der Primus, mit 17 legte er sein Abitur mit Auszeichnung ab.

Eigentlich wollte er Jura studieren, entschied sich dann aber für Medizin. Während seines Studiums betrieb er unter anderem zoologische Studien und erwarb, nachdem er seinen einjährigen Militärdienst abgeleistet hatte, mit einer Arbeit über das Rückenmark niedriger Fischarten den Doktortitel. Anschließend arbeitete er als Arzt in einem Krankenhaus und beschäftigte sich mit der Pharmakologie des Kokains. Er unternahm mehrere Selbstversuche und pries das damals noch weithin unbekannte Stimulans »als göttliche Pflanze, welche den Hungrigen sättigt, die Schwachen stärkt und sie ihr Missgeschick vergessen lässt«. Erst als ein süchtig gewordener Freund an einer Kokaininjektion starb, erahnte er die unheilvolle Wirkung der Droge, die er zahlreichen Menschen leichtfertig empfohlen hatte.

Nach einem Studienaufenthalt in Paris, wo er die Technik der Hypnose kennenlernte, arbeitete er als Privatdozent für Neuropathologie und ließ sich parallel dazu als Arzt nieder. Nach vierjähriger Verlobungszeit heiratete er die Tochter eines Hamburger Kaufmanns, die entfernt mit Heinrich Heine verwandt war. Seine Frau brachte drei Söhne und drei Töchter zur Welt. Während er mit seinen Töchtern durchaus herzlich umging, war das Verhältnis zu seinen Söhnen eher distanziert. Bis heute ist umstritten, ob der ansonsten korrekte und etwas spießig wirkende Gelehrte ein treuer Ehemann war. Vieles deutet darauf hin, dass er mit der Schwester seiner Frau eine Affäre hatte.

Als Arzt behandelte er vor allem Menschen mit seelischen Problemen, und zwar auf eine Art und Weise, die neu und revolutionär war. Das heißt: Er ließ seine Patientinnen und Patienten in Gesprächen so lange fabulieren, bis sie ihre intimsten Geheimnisse preisgaben. Für seine therapeutischen Leistungen verlangte er ein stattliches Honorar, das er mit Vorliebe in bar kassierte. Andere Ärzte wären vermutlich schockiert gewesen über die inneren Abgründe ihrer Patienten und hätten es vermieden, darüber zu reden. Nicht so der von uns Gesuchte. Obwohl Kollegen über seine Ideen spotteten, veröffentlichte er ein Buch nach dem anderen. Die meisten fanden beim Publikum großen Anklang, nicht zuletzt wegen der darin enthaltenen »unanständigen« Geschichten. Beeindruckend war aber auch seine stilistische Sicherheit, die ihm eine Nominierung für den Literaturnobelpreis einbrachte.

Vermutlich auf Grund seines immensen Zigarrenkonsums erkrankte er mit 67 Jahren an Gaumenkrebs. Insgesamt 33 Operationen musste er über sich ergehen lassen, doch sein Zustand verbesserte sich nur vorübergehend. Bis zuletzt machte er keinen Hehl aus seiner atheistischen Einstellung. Gleichwohl fühlte er sich aus »innerer Identität« dem Judentum verbunden und geriet häufiger ins Fadenkreuz antisemitischer Kräfte, die auch heftig protestierten, als die Stadt Frankfurt ihm den Goethepreis verlieh.

Nach der Machtübernahme der Nazis wurden seine Bücher in Deutschland verbrannt. Fünf Jahre später fiel die Wehrmacht in Österreich ein. Um mit dem Großteil seiner Familie ins Ausland emigrieren zu können, musste er auf Druck der Gestapo eine Erklärung unterzeichnen, in der es hieß: »Behörden und Funktionäre der Partei sind mir und meinen Hausgenossen ständig korrekt und rücksichtsvoll entgegen getreten.« Sein letztes Lebensjahr verbrachte er in London. Hier bat er, vom Krebs schwer gezeichnet, seinen Hausarzt um Sterbehilfe, die dieser ihm auch gewährte. Nach einer Überdosis Morphium starb er im Alter von 83 Jahren. Wer war's?


Beim letzten Mal fragten wir nach der Künstlerin Frida Kahlo.
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