»Heute wird nur noch draufgeballert«

Kristina Richter wird 70 und blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Handballweltmeisterin und Trainerin zurück

Wann haben Sie das letzte Mal selbst Handball gespielt?
1992 bei BVB Berlin in der ersten Bundesliga, das letzte Mal. Sechs Jahre davor hatte ich eigentlich schon aufgehört, doch der damalige Trainer, Herr Lauckner, hatte mich gebeten, seine jungen Spielerinnen zu führen und ihnen das eine oder andere zu zeigen.

Wie war es, plötzlich noch mal in der Bundesliga zu spielen?
Ich kann mich kaum erinnern. Vom Leistungsvermögen her war es längst nicht so wie in der DDR, als ich noch aktiv war. Aber was will man auch erreichen mit einmal Training pro Woche? Mit der geringen Kondition brauchte man zwei Tage nach einem Spiel, um sich zu erholen.

Wie sehr verfolgen Sie heute noch den Handball?
Männerhandball schaue ich noch, Frauen bekommt man ja kaum zu sehen, nicht mal bei WM oder Olympia. Männerhandball ist zwar rau und hart, aber ich schaue es trotzdem gerne. Kiel ist mein Lieblingsverein, nicht etwa die Berliner Füchse. Zu denen gehe ich aber ab und an in die Halle.

Was unterscheidet Handball heute von damals, als sie spielten?
Es ist ein viel schnelleres Spiel heute, die Regeln sind ja auch neu, durch die »schnelle Mitte« beispielsweise, geht es wahnsinnig dynamisch zu. Wir allerdings hatten damals ein noch größeres taktisches Repertoire, dass wir ruhiger durchspielen konnten. Heute dagegen sehe ich groß gewachsene Spielerinnen, die von hinten draufballern, sobald es geht - entweder sie treffen oder eben nicht: Ich weiß ja nicht! Spielzüge sieht man da nur selten. Ich glaube, wir haben da seinerzeit mehr geboten. Vielleicht waren wir auch individuell ein bisschen stärker.

Sie haben die Wendezeit im Sport erlebt - als Trainerin. Wie schätzen Sie diese Zeit aus heutiger Sicht ein?
Es war schwer für uns Trainer. Es hieß plötzlich: Wir brauchen Euch nicht! An der Kinder- und Jugendsportschule in Berlin, wo ich damals arbeitete, stellte sich der neue Direktor aus dem Westen der Stadt vor und erklärte uns, dass wir alles falsch gemacht hätten. Und dass wir bei ihm keine Chance hätten.

Dreimal waren sie Weltmeisterin, und zudem Olympiamedaillengewinnerin 1976 und 1980. Welcher war der schönste Moment in Ihrer sportlichen Karriere?
Es war nicht mal ein sportlicher Erfolg. Es war bei Olympia 1980, als ich in Moskau die Fahne bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele tragen durfte.

Die erste deutsche Mannschaftssportlerin, die als Fahnenträgerin ausgewählt wurde …
Ja. Ehrlich gesagt, ich weiß auch nicht, wieso man damals mich ausgewählt hat. Aber es war schön. Die Zuschauer im Lushnikistadion habe ich kaum bemerkt, ich habe mich so auf die Fahne konzentrieren müssen. Die war wirklich schwer, eine riesenlange Stange mit ’ner Fahne oben dran. Hinter mir liefen die hohen Herren von uns, die gaben Anweisungen: »Fahne nach vorn!« (lacht) Es war schon sehr viel Anspannung dabei. Wir hatten eine Dreiviertelrunde zu laufen, dann kamen wir da an wo Breschnew stand. Anstrengend. Aber ich bin heute noch stolz darauf.

Woran erinnern sie sich noch beim Stichwort Moskau 1980?
An sportliche Details vor allem, unsere Niederlage gegen die Russinnen, oder der Finalsieg unserer Männer. Da waren wir natürlich in der Halle, wir haben wie verrückt getobt, wie das Fans eben so machen.

Es waren Ihre zweiten Olympischen Spiele, ihre ersten erlebten Sie 1976 erst mit 29 Jahren …
Ja, Handball war ja erst 1976 erstmals olympisch für uns Frauen.

Wieso eigentlich?
Ach, Frauen hatten damals einfach nicht so viel zu sagen im Sport. Auch in der DDR war das so, wir waren dreimal Weltmeister, die Männer gewannen diesen Titel in der Halle nie. Trotzdem wurde über die Männer viel mehr berichtet als über uns. Von den Frauen zeigte das Fernsehen nur bei Olympia oder einer WM etwas - oder bei manchen Turnieren, wie dem in Rangsdorf. Aber Ligaspiele? Daran kann ich mich nicht erinnern.

Sie wurden im Sommer 2016 in die »Ruhmeshalle des deutschen Sports« aufgenommen? Was passiert da eigentlich?
Ich habe einen Brief bekommen, dass ich vorgeschlagen sei und dass ein paar Formalitäten zu erledigen seien. Unter anderem die Prüfung bei der Jahn-Behörde, der ich zustimmen müsse. Das habe ich getan und später kam dann eine Einladung zur Ehrung nach Aachen. Aber das war mir zu stressig, ich bin nicht hingefahren.

Haben Sie sich denn gefreut über die Aufnahme?
Ja, ich habe mich sehr gefreut. Aber ein bisschen war es wie damals, als ich zur Fahnenträgerin für Moskau bestimmt wurde. »Warum ich?«, habe ich mich gefragt. Ich bin doch weit weg von allem. Aber dennoch bin ich wahnsinnig stolz darauf.

Auszeichnungen gab es wahrscheinlich schon in der DDR genügend, oder?
Ja, natürlich. Meister des Sports, Verdienter Meister des Sports. Später dann auch noch der Vaterländische Verdienstorden - den hab ich sechs Mal bekommen.

Wie hoch war damals die Geldprämie für Olympiamedaillen?
Ich glaube, für Gold gab es 15 000 Mark, wir haben jedenfalls 1976 für Silber 10 000 Mark bekommen. Das war damals viel Geld für mich, ich war ja Fernstudentin und wollte Sportlehrerin werden.

Was hat Ihnen der Sport im Leben bedeutet?
Alles eigentlich. Schon als Kind in Zwickau war ich immer unruhig, ich musste immer raus. Und dann bin ich eben auf den Sportplatz gegangen. Dort hat mich der Sportlehrer irgendwann angesprochen, was ich hier mache. Und schon hatte er mich eingegliedert. Später wechselte ich zum Handball, mir war Leichtathletik irgendwann zu langweilig. Allein im Stadion seinen Trainingsplan abarbeiten, das war nichts für mich. Deswegen ging ich mit 16 zum Handball. Und von da an war Sport mein Leben. Erst als Spielerin, dann ab 1988 als Trainerin. Das habe ich bis 2013 gemacht, obwohl es ab 1990 natürlich ganz schwer wurde. Es gab fast nur noch an ABM-Stellen. Erst 2013 habe ich noch einmal einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen - als Sportlehrerin.

Sie waren viele Jahre Aktive und danach eine lange Zeit Trainerin. Welcher Teil Ihrer Karriere war der schönste?
Die Zeit als Trainerin. Man hat so viele Typen kennengelernt, man musste sich alle ein, zwei Jahre wieder auf neue Sportlerinnen einstellen, man konnte ihnen immer etwas beibringen, das fand ich immer das Schöne daran. Deswegen wollte ich immer auch im Nachwuchs arbeiten: um den Jüngeren aus meinem langen, erfolgreichen Sportlerleben etwas beizubringen.

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