Kultur-Dschungel

Der Amazonasregenwald ist keine Wildnis. Präkolumbianische Völker prägen seit Jahrtausenden die Vegetation der Region

  • Von Norbert Suchanek
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit wenigstens 10 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung kultivieren Menschen Nutzpflanzen. Auch in den Randgebieten der Urwälder Amazoniens hat die Domestizierung von Pflanzen schon vor 8000 Jahren begonnen. Zu diesem Ergebnis kommt ein interdisziplinäres Forscherteam um Carolina Levis vom brasilianischen Amazonasforschungsinstitut INPA. Die Ergebnisse wurden im Fachblatt »Science« (Bd. 355, S. 925) vorgestellt. »Einige der Baumarten, die heute in den Amazonaswäldern zahlreich vorkommen, wie Kakao- oder Paranussbäume, sind so häufig, weil sie von Menschen lange vor Ankunft europäischer Kolonisatoren gepflanzt wurden«, erläutert der an der Studie beteiligte US-Ökologe Nigel Pitman vom Field Museum in Chicago.

Das internationale Forscherteam, zu dem auch Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz gehörten, verglich die Lage von mehr als 3000 archäologischen Fundstätten und Flussläufen mit botanischen Daten des Amazon Tree Diversity Network aus 1170 untersuchten Waldarealen. Von mehr als 4000 registrierten Pflanzenarten wählten sie für die Studie 85 von präkolumbianischen Völkern kultivierte Baum- und Palmenarten aus, die den Menschen bis heute als Nahrungs- und Nutzpflanzen dienen, wie Paranuss- und Kautschukbäume oder die Açai- und Pupunha-Palmen.

Die Analyse ergab, dass die domestizierten Arten heute fünf Mal häufiger im gesamten Amazonasbecken vorkommen als Wildformen. Die höchste Dichte solcher Nutzpflanzenarten fanden sie in der Umgebung der archäologischen Fundstätten sowie entlang der Flüsse, einem bevorzugten Siedlungsraum der Amazonasvölker.

»Seit Jahren haben ökologische Studien den Einfluss vorkolumbianischer Völker auf die heute vorhandenen Wälder ignoriert«, sagt INPA-Forscherin Levis. »Wir fanden heraus, dass ein Viertel der kultivierten Baum- und Palmenarten großräumig im Amazonasbecken verbreitet wurden und heute weite Waldflächen dominieren.«

Vor allem die Wälder im Südwesten Amazoniens seien von Ureinwohnern stark verändert und mit domestizierten Pflanzenarten wie den bis heute für die amazonische Wirtschaft wichtigen Paranussbäumen - Brasilien exportiert jährliche Tausende Tonnen Paranüsse - bereichert worden. Genetische Studien belegten, dass es bei Paranussbäumen im gesamten Amazonasgebiet nur geringe genetische Unterschiede gibt. Da diese Unterschiede bei Arten, die sich auf natürliche Weise im Regenwald verteilt haben, größer sind, sei die Wahrscheinlichkeit, dass die Art sich mit Hilfe des Menschen ausgebreitet hat, sehr hoch.

Der Einfluss der Amazonasvölker auf die Regenwälder sei darüber hinaus wahrscheinlich noch erheblicher größer, da sich die Studie auf »nur« 85 Pflanzenarten beschränkte. Tatsächlich aber kannten und nutzten präkolumbianische Kulturen mehrere hundert Baum- und Palmenarten. Zudem harren vermutlich noch zahlreiche archäologische Fundstätten im Dschungel ihrer Entdeckung. So wurden erst kürzlich im westamazonischen Bundesstaat Acre 450 bis zu 3500 Jahre alte von Menschen angelegte Erdmuster, sogenannte Geoglyphen, aufgespürt. »Die Geoglyphen des westlichen Amazonas halten mit den beeindruckendsten Beispielen präkolumbianischer Monumentalarchitektur in ganz Amerika mit«, kommentierte das internationale Archäologen-Team um Jennifer Watling von der Universität São Paulo in den »Proceedings« der Nationalen Akademie der Wissenschaften der USA (DOI: 10.1073/ pnas.1614359114).

Die »Science«-Studie bestätigt letztlich auch frühere Forschungsergebnisse des US-Ethnobiologen Darrell Addison Posey aus den 1980er und 1990er Jahren, der als einer der ersten Wissenschaftler Amazonien eher als Kulturlandschaft denn als Urwaldregion definierte. Posey hatte über mehr als ein Jahrzehnt die Lebensweise der Kayapó im südöstlichen Amazonasbecken untersucht und dokumentiert, wie die Ureinwohner die Artenvielfalt ihres Lebensraumes, Cerrado und Regenwald, zugunsten von Nahrungs-, Medizin- und anderen Nutzpflanzen über Generationen hinweg aktiv veränderten. »Amazonien wird gewöhnlich als weite Wildnis und als eine menschenleere Region voller unberührter Natur verstanden. Doch für mich ist das Amazonasbecken unauslöschlich von Menschen geformt. Und für die indigenen Völker Amazoniens sind die Wälder, Savannen, Berge und Ströme ihr Lebensraum, ihr Garten, Jagdreservat und spiritueller Rückzugsraum«, so der 2001 verstorbene Ethnobiologe.

Der Mythos des menschenleeren Amazonaswalds gehöre endlich zu den Akten gelegt, kommentiert der an der »Science«-Studie beteiligte INPA-Wissenschaftler Charles Clement. Weitere Forschungen seien aber notwendig, um das tatsächliche Ausmaß des Einflusses indigener Völker auf die Biodiversität der Regenwälder des Amazonasbeckens zu verstehen, so seine Kollegin Levis. Doch gerade die an archäologischen Fundstätten reichen Regenwaldgebiete in Südwestamazonien sind derzeit stark bedroht von Abholzung, Rohstoffabbau, Wasserkraft- und Straßenbauprojekten.

Selbst bestehende Schutzgebiete sind nicht sicher. Aktuell wollen Abgeordnete und Senatoren des brasilianischen Bundesstaates Amazonas mehrere Naturreservate in Südwestamazonien drastisch reduzieren. Insgesamt soll der Schutz von rund 1,7 Millionen Hektar Regenwald aufgehoben werden. Betroffen sind die Waldreservate Campos de Manicoré, Aripuanã, Urupadi, Manicoré und Amanã sowie der Nationalpark von Acari im Süden des Bundesstaates Amazonas, die als »grüner« Schutzgürtel gegen die voranschreitende Agrar- und Abholzungsfront errichtet wurden.

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