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Rütli und seine Erben

Die frühere Problemschule blüht auf, stadtweit bleibt viel zu tun - und die Armut wächst

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 3 Min.

Als am Montag die Richtkrone feierlich auf den Erweiterungsbau in der Rütlistraße gesetzt wurde, waren alle da: Christina Rau, Schirmherrin und Frau des früheren Bundespräsidenten, Franziska Giffey (SPD), Bezirksbürgermeisterin von Neukölln, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sowie Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (LINKE). Allein das Aufgebot zeigt, dass es hier nicht um einen Schulneubau unter vielen geht, die bis 2020 entstehen sollen.

Der Campus Rütli CR2 ist von Bedeutung, war doch die Schule vor genau elf Jahren mit einem Brandbrief bekannt und zum Symbol geworden für das Versagen einer Schulpolitik, in der sich Armut, Migration und Bildungsferne unrühmlich die Hand gaben.

Seitdem ist viel geschehen im Norden Neuköllns, so viel, dass inzwischen von einer »Vorzeigeschule« die Rede ist. Es gab die Kleidungsmarke Rütli-Wear, Kooperationen mit Theatern, Musik- und Volkshochschulen. Rund 30 Erzieher und Sozialarbeiter wurden eingestellt, ein Wachschutz nicht zu vergessen. Die Zusammensetzung des Kiezes hat sich verändert, Stichwort Gentrifizierung.

Nun ist der Campus fast fertig, der 2007 beschlossen wurde und einer Schule Rechnung tragen sollte, an der fast alle Schüler einen Migrationshintergrund hatten. Ein »umfassendes und integriertes Sozialisations- und Bildungsangebot« sollte geschaffen werden, das soziale Kompetenz und solidarisches Handeln fördert.

Zwischen Pannierstraße, Pflügerstraße, Weichselstraße und Weserstraße ist ein 47 900 Quadratmeter großes Quartier entstanden, auf dem die 2009 fusionierte Gemeinschaftsschule genauso Platz findet wie Kindertagesstätte, Jugendfreizeiteinrichtung, Turn- und Quartiershalle. Im Sommer 2018 soll der Bau fertig sein, dann kann auch die Grundschule aus der Weserstraße herziehen. Auch eine große Schulbibliothek entsteht.

Begleitet wurde der Bau von höheren Bildungsabschlüssen: 2011 kam die gymnasiale Oberstufe hinzu, 2014 gab es die ersten Abiturienten zu beglückwünschen.

Doch Rütli steht nicht exemplarisch für die Entwicklung in Berlin, und dass das so ist, ist auch der Armut zuzuschreiben. Bildungssenatorin Scheeres hat sich in ihrer Amtszeit für Programme eingesetzt, die hier ansetzen. Am Bonus-Programm, das es seit 2013 gibt, nahmen im vergangenen Jahr 275 Schulen teil, mehr als jede dritte. Teilnehmen dürfen Schulen, an denen die Hälfte der Schüler zu arm ist, Lernmittel zu bezahlen. Bei einigen Standorten sind dies fast alle Schüler. Die Quoten werden nicht veröffentlicht, um Kinder nicht zu stigmatisieren und ein inoffizielles Ranking zu verhindern. Nur soviel: »Die Anzahl der Schulen ist stark gewachsen«, sagt Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung. »Die sozialen Rahmenbedingungen haben sich nicht verbessert.«

Immer wieder küren Medien Schulen zu »Rütlis Erben«, zuletzt die Ernst-Reuter-Schule in Wedding. Lehrer hatten von Gewalt berichtet, der neuste Inspektionsbericht hatte ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. In der Aktuellen Stunde zur Bildungspolitik fragte Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion am vergangenen Donnerstag im Abgeordnetenhaus: »Was ist da los?« Es ist etwas schiefgelaufen, obwohl die Bildungsstätte Teil von »School Turnaround« ist, eines zweiten Programms, das Scheeres mit der Robert-Bosch-Stiftung aufgesetzt hat. Doch nicht alle Schulen scheitern: Die Refik-Veseli-Schule in Kreuzberg erhielt während des Programms eine gymnasiale Oberstufe und ist nun stärker nachgefragt als sie Plätze hat (»nd« berichtete). Doch »Turnaround« endet im Juli und wird auch nicht verlängert, sagt Projektleiterin Hannelore Trageser.

Im Sommer steht die zweite Runde der Schulinspektion vor dem Abschluss, die Zwischenergebnisse lassen nicht hoffen. Bereits jetzt haben 7,6 Prozent der Schulen »erheblichen Entwicklungsbedarf«, berichtete das Institut für Schulqualität Berlin Brandenburg vor kurzem. Dabei steht die Bewertung von rund 100 Schulen noch aus. In der ersten Runde 2010/11 waren es nur 4,6 Prozent.

Christina Eichholz ist Leiterin der Rütli-Grundschule. Worauf sie mit dem Umzug hofft? »Ganz einfach: Dann ist zusammen, was zusammen gehört.«

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