Konsumparadies schließt seine Pforten

Nach fast 38 Jahren wird Ende Juni das Warenhaus am Berliner Ostbahnhof dicht machen

»Fünfzig Prozent, fünfzig Prozent auf alle Taschen, Rucksäcke und alle sonstigen Produkte auf der Sonderfläche. Dazu gibt es noch einmal zehn Prozent an der Kasse obendrauf.« Der Anpreiser gibt sich redlich Mühe, mit samtener Stimme die Produkte an den Mann zu bringen. Beziehungsweise an die Frau. »Meine Dame, wie wäre es denn mit einer schönen neuen Handtasche für Sie? Oder einem Shopper?«, spricht er eine Mittdreißigerin an. Die starrt ihn mit angstgeweiteten Augen an, schüttelt hektisch den Kopf und läuft schnellen Schrittes Richtung Ausgang.

Der Anpreiser hat etwas Tragisches. Seinen korpulenten Oberkörper bedeckt zwar ein schwarzes Sakko. Das ist aber derart zerknittert, dass jegliche Eleganz einem Exorzismus gleich aus ihm gewichen ist. Er ist schon über 80. Über Lautsprecher ist seine Stimme im ganzen Kaufhaus zu hören.

Ein ganzes Kaufhaus - das lässt im Kaufhof am Berliner Ostbahnhof mehr vermuten, als der Realität entspricht. In Betrieb sind nur noch zwei Etagen plus das Restaurant im obersten Stockwerk. Das mit großem Stolz 1979 eröffnete Warenhaus wird Ende Juni schließen. Letztlich ist es, wenn auch spät, ein Vereinigungsopfer. »In der heutigen Handelswelt funktioniert ein Kaufhaus nicht als Einzelstandort«, sagt Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg. »Es müssen viele weitere Geschäfte in der Umgebung sein.«

Diese Erfahrung musste der Kaufhof-Konzern in der Hauptstadt bereits ein Jahrzehnt vorher machen. Knappe vier Kilometer Luftlinie entfernt, im Nordosten, machte 2007 die Filiale am Anton-Saefkow-Platz im Lichtenberger Ortsteil Fennpfuhl dicht. Dem 1985 eröffneten ursprünglichen Konsument-Warenhaus fehlte die Kundschaft noch viel früher. Dort fährt nur die Straßenbahn, am Ostbahnhof halten wenigstens S- und Regionalbahnen - wenn auch immer weniger Fernzüge. Das Gebäude am Anton-Saefkow-Platz steht immer noch. Im Erdgeschoss sind ein Discounter und ein Drogeriemarkt untergekommen, darüber wohnen nun Menschen, ein neu in die Struktur geschlagener Lichthof macht das möglich. Die 55 Quadratmeter großen Minilofts mit vier Meter hohen Decken waren im Nu vermietet. Etwas ähnliches könnte mit dem Gebäude am Ostbahnhof geschehen. Eine entsprechende Bauvoranfrage hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bereits positiv beschieden. Doch noch läuft der Betrieb.

Peter Brunk, der Anpreiser, der an diesem frühen Dienstagnachmittag den Verkauf ankurbeln soll, ist ein inzwischen ein paar Schritte weitergegangen. »Zehn Prozent auf alle Herrenrasierer«, sagt er. Und nicht zu vergessen: »Dazu gibt es noch einmal zehn Prozent an der Kasse obendrauf.« Was man nur schwerlich vergessen könnte, denn von der Decke baumelt ein wahrer Schilderwald. »Wir schließen« steht darauf. Auf jedem Regal thront dazu auf Deutsch, Türkisch und Polnisch der Hinweis, dass auch auf bereits reduzierte Ware zehn Prozent Rabatt gewährt werde. Brunk fährt derweil mit der Rolltreppe in den ersten Stock. Seine Stimme bleibt einem dank der Lautsprecher erhalten, auch wenn man die von ihm beworbene Unterwäsche nicht im Blick hat.

»Das ist schon traurig, das hier so zu sehen«, sagt eine Dame mittleren Alters. Sie sucht nach Klebstoff in den arg gefledderten Regalen der Schreibwarenabteilung. Sie kam immer gerne hierher: »Weil es so schön leer ist.« Ob denn noch Ware komme, will sie von der Kassiererin wissen. »Ab und an kommt noch etwas, aber bestellen kann ich nichts mehr«, entgegnet die. Die Osterartikel waren wohl der letzte große Schwung. Die Verkäuferin ist dabei, die Artikel in den halb leeren Regalen wenigstens schön anzuordnen. Sie ist eine von 89 Menschen, die hier noch arbeiten.

2000 Menschen waren 1989 im »Centrum-Warenhaus am Hauptbahnhof«, wie es damals hieß, beschäftigt. Der einstige Ostbahnhof war 1987, zum 750-jährigen Jubiläum Berlins, umbenannt worden. Eine Hauptstadt sollte schließlich auch einen Hauptbahnhof haben. 1998 wurde daraus wieder der Ostbahnhof. Mit 18 000 Quadratmetern Verkaufsfläche war das Haus mit der auffälligen Fassade das größte der 14 Centrum-Warenhäuser in der DDR. 65 000 Kunden zählte es täglich. »Jeden Tag rollen 25 Lkw, fünf Container und wöchentlich noch etliche Eisenbahnwaggons in Richtung Hauptbahnhof«, berichtete »nd« am 20. September 1989.

Was haben die vielen Beschäftigten damals gemacht, fragt man sich aus heutiger Perspektive. Nun, alles mögliche. Dem Warenhaus angeschlossen waren drei nahe gelegene Kaufhallen. Die Ware lagerte in eigenen Räumen in Berlin-Lichtenberg, von dort wurde sie von eigenen Mitarbeitern nach Friedrichshain gebracht. Eingeräumt wurde sie übrigens im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Und natürlich war man nicht einsam auf der Arbeit. Allein für die Industriewaren gab es 1981 neben dem Leiter 22 Warenprüfer und 40 Lageristen. »Innerhalb von 24 Stunden muss die eingegangene Ware auf dem Verkaufstisch sein«, schrieb das »nd« damals. Was machbar erscheint. Nicht zu vergessen die Gebäudereiniger. »Wir putzen selbst das Vitrinenglas und die Spiegel in den Kabinen«, wird in dem Bericht eine Mitarbeiterin zitiert. Und natürlich mussten die 4000 bis 5000 Kunden, die sich zu jeder Tageszeit auf den fünf Verkaufsetagen aufhielten, entsprechend beaufsichtigt werden. »Rundgang nur mit Körbchen«, hieß es damals streng.

Im Mai 1977 wurde der Grundstein für den Bau des Kaufhauses gelegt. Es sollte Entlastung bringen für den 1970 eröffneten Neubau des Centrum-Warenhauses am Alexanderplatz. »Die mit dem Zug anreisenden Einkaufstouristen aus Polen und der Sowjetunion sollten gar nicht erst zum Alexanderplatz fahren«, erklärt Nils Busch-Petersen. Im Vergleich zu diesen Ländern galt die DDR als Konsumparadies. Und weil die Waren im Realsozialismus nicht in dem Maße zum Käufer kamen, mussten die Käufer eben zur Ware kommen. Dieser Plan ist mit der Eröffnung 1979 auch aufgegangen. Ende der 1980er Jahre hatten die beiden Filialen über sieben Prozent Anteil am gesamten Handelsumsatz Ost-Berlins. Viele, wahrscheinlich hunderte Millionen DDR-Mark wechselten dort ihre Besitzer. Zahlen wurden nicht veröffentlicht, nur alle Jubeljahre wurde im »nd« die Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr bekanntgegeben. Mal neun, mal 20 Millionen Mark.

Wenn Ware knapp ist, wird sie auch wertvoll. Und die, die sie verwalten, werden zu begehrten Partnern. Wie eben die Verkäufer in den privilegiert versorgten Centrum-Warenhäusern, die sich vor Freunden und Tauschpartnern kaum retten konnten. Manchmal ging es nur um Gefälligkeiten - das eine oder andere Produkt wurde unter dem Verkäuferpult so lange zurückgehalten, bis ein Freund oder Bekannter vorbeikam. Aber auch bei den Preisen ließ sich etwas machen. Das einfache Umdeklarieren einwandfreier Produkte zu B-Ware sicherte so manches Zusatzeinkommen. 1980 berichtete »nd« über einen Prozess gegen ein »Spekulanten-Ehepaar«. Über Jahre hatte der stellvertretende Leiter der Heimwerkerabteilung mit Hilfe seiner Ehefrau Bohrmaschinen, Betonmischer oder Kompressoren per Kleinanzeigen zum Vielfachen des Originalpreises vertickt. Irgendwann ließ er die Ware ganz ohne Bezahlung mitgehen, großer Schwund war Alltag im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Doch die beiden hatten überzogen - und wurden zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Es gab natürlich auch andere. So wie die ebenfalls 1980 im »nd« porträtierte Fachverkäuferin für Jugendmode. »Die selbstbewusste Wahlberlinerin wird von ihren Kolleginnen geschätzt, und das auch wegen ihres Beitrags zur Senkung der Handelsverluste«, heißt es in dem Beitrag.

Nach dem Mauerfall erlebte das Warenhaus noch einen unliebsamen Ansturm. Hochsubventionierte Produkte, nur noch stichprobenartige Zollkontrollen und ein ins Bodenlose gefallener Wechselkurs sorgten für noch größere Leere in den Regalen. »Mit dem Verkauf von Modeschmuck vor unserem Haus fängt es an. Dann wird Kaviar gekauft, in Westberlin verkauft, dann D-Mark zu Wahnsinnskursen in DDR-Mark getauscht. Dafür kauft man wieder bei uns Salami, Wodka, Schokolade«, berichtete ein Verkäufer Ende November 1989 dem »nd«. Zu jenen Zeiten blühte der Schwarzhandel auf dem sogenannten Polenmarkt. Heute stehen auf der ehemaligen Brache die Potsdamer Platz Arcaden.

Inzwischen erinnert die Feinkostabteilung - sie besteht nur noch aus Haltbarem wie Marmeladen, Spirituosen und erstaunlich überteuerten Gewürzmischungen - mit ihren leeren Regalen wieder an die längst vergangenen Zeiten. Nur ganz oben, im Dinea-Restaurant, wirkt alles wie gehabt. Das letzte Mal wurde hier wohl Ende der 1990er Jahre neu dekoriert. An den Tischen sitzen hauptsächlich Senioren und blicken durch milchige Fenster auf Plattenbauten. Die Speisen sind für die gebotene Kantinenqualität eher überteuert.

An einem Tisch sitzt eine ganze Damenrunde vor Sektgläsern. »Wir treffen uns seit fast 30 Jahren hier«, sagt Peggy Schlüter. »Das ist hier so gut für alle erreichbar, und ich selber wohne gleich um die Ecke.« Es sei traurig, dass der Kaufhof bald schließe. »Ich weiß gar nicht, wo wir uns dann treffen sollen. Hier gibt es doch nichts in der Nähe«, sagt die Endfünfzigerin.

Weiter unten hat Peter Brunk inzwischen Feierabend als Propagandist. So nennt sich sein Job, das Anpreisen von Waren. Angefangen hat er 1979 im Centrum-Warenhaus am Ostbahnhof. Damals produzierte er ganze Sendungen für den Kaufhausfunk mit Musik, Glückwünschen und Nachrichten der Gewerkschaft. Seit vielen Jahren ist er selbstständig.

Die verbliebenen Mitarbeiter werden nach Schließung der Filiale alle zum Alexanderplatz wechseln, versichert Kaufhof. »Nein, die Zeit der Kaufhäuser ist nicht vorbei«, sagt Busch-Petersen. Schließlich plane Karstadt in Berlin-Tegel sogar eine Wiedereröffnung. 2018 soll es soweit sein. »An gut angebundenen Standorten in Bezirken mit wachsender Bevölkerung wäre auch noch Platz für neue Warenhäuser.« Ob er damit das Areal am Bahnhof Berlin-Pankow meint? Er schweigt. Als Chef des Handelsverbandes, der alle vertritt, muss er in seinen Aussagen immer recht allgemein bleiben.

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