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Der Kreuzberger 1. Mai – Vom Mythos zur Wirklichkeit

Vor 30 Jahren bauten in Berlin-Kreuzberg Studenten, Arbeiter, Künstler, Arbeitslose und Rentner Barrikaden und plünderten Geschäfte

Was wäre Berlin-Kreuzberg ohne seinen revolutionären 1. Mai? Ein Stück weit gehört er schon zum Markenkern des Szenebezirks, dessen Mietpreise gerade explodieren und der immer mehr zum hippen Laufsteg der neuen metropolitanen Creative Class wird. Die Militanz mit der vor 30 Jahren nicht nur autonome Gruppen, sondern weite Teile der Kreuzberger Bevölkerung von Studenten über Arbeiter, Künstler, Menschen ohne Jobs bis hin zu Rentnern in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1987 spontan gegen eine unbeliebte und für ihre Prügelorgien berüchtigte Polizei kämpften, ist heute nicht mehr vorstellbar. »Es hätte auch Belfast sein können«, sagte damals die schockierte Tagesschau-Reporterin. Barrikaden wurden errichtet, Autos angezündet, Polizeikordons mit Pflastersteinen eingedeckt und Geschäfte geplündert. Am Abend zuvor hatten Politik und Eliten im Internationalen Congress Centrum das pompöse Eröffnungsfest zu Berlins 750-Jahr-Feiern begangen. Im Morgengrauen durchsuchte dann eine Hundertschaft der Polizei die Räume der Initiative zum Volkszählungsboykott – 1987 die linksradikale Kampagne der Saison – im Kreuzberger Mehringhof und beschlagnahmte zahlreiche Unterlagen. Als dann am Abend die Polizei mit brachialer Gewalt ein Straßenfest am Lausitzer Platz räumte, ließen viele Kreuzberger ihrem Frust freien Lauf.

Dass sich aus dem großen spontanen Aufstand von 1987 ein jährlich wiederkehrendes Protestritual entwickeln würde mit der von manchem linken Aktivisten ebenso wie von bürgerlichen Medien und konservativen Politikern beklagten sinnentleerten Randale, war damals kaum abzusehen. Wer den Grund hierfür aber nur in einer Berliner oder Kreuzberger Binnenlogik sucht, liegt falsch. Proteste und Militanz zum 1. Mai sind ein weltweit seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wiederkehrendes Phänomen. Das reicht von den Chicagoer Haymarket-Riots 1886, wo der 1. Mai als Arbeiterkampftag seinen Ursprung nahm, über die heftigen Auseinandersetzungen im Barcelona der 1920er und 1930er Jahre über die Demonstrationen in Istanbul und Athen bis hin zu den Revolutionären 1.-Mai-Demonstrationen in Berlin-Kreuzberg, die seit einigen Jahren allen Unkenrufen zum Trotz beachtlichen Zuwachs erleben. Dass es gerade die sonst als so geschichtslos geltenden Autonomen der 1980er Jahre waren, die diese Tradition kampagnenträchtig als Linke-Szene-Großereignis ausbauten, ist ein durchaus faszinierender Aspekt. Wobei die (mit dem poplinken Instrumentarium einer historisierenden Protestkultur ebenso experimentell wie souverän agierende) Berliner Antifa der 1990er Jahre den 1. Mai ganz bewusst als traditionsreichen Aktionstag in Kreuzberg reinszenierte und nach einigen Jahren 1.-Mai-Demo durch Prenzlauer Berg den neuen Szenekiezen im ehemaligen Ost-Berlin den Rücken kehrte.

Dass Kreuzberg all die Jahre als Bezugspunkt radikaler linker Politik nutzbar gemacht werden konnte, hatte auch immer etwas damit zu tun, dass der von der Berliner Mauer eingezwängte Kiez zwischen Schlesischer Straße und Kottbusser Tor mehrere Jahrzehnte hindurch ein radikal politisierter städtischer Bereich war, in dem immer wieder um die emanzipatorische Aneignung urbaner Räume gekämpft wurde. Das reichte von den Hausbesetzungen der frühen 1970er Jahre über die große Besetzerwelle der 1980er und den alternativkulturellen Räumen bis hin zu den territorialisierenden Kämpfen der Autonomen um selbstorganisierte Kiezstrukturen. Auch wenn gerade in den 1990er Jahren Friedrichshain und heutzutage Neukölln vielmehr zum Outback linker selbstorganisierter Strukturen und alternativer Projekte wurden, erlebte Kreuzberg in den vergangenen Jahren noch einmal eine weitreichende Politisierung, insbesondere durch die Proteste Geflüchteter ab 2012 mit der Besetzung der Gerhart-Hauptmann-Schule und des Oranienplatzes und die Proteste der Mieterinitiative »Kotti & Co« bis zu den mitunter erfolgreichen Kampagnen gegen Zwangsräumungen. Kreuzberg war und bleibt ein politisch umkämpfter Kiez, in dem Bruchlinien sozialer und politischer Kämpfe sichtbar werden. Ausdruck dessen ist auch der Zuwachs, den die abendliche Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration in den vergangenen Jahren erlebt hat.

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