«Ich bin gerne eine Frau»

Ursula Dippold leitet seit 22 Jahren das Frauenhaus in Ludwigslust. Wer zu ihr kommt, muss mühsam wieder Vertrauen zu sich und der Welt aufbauen. Von Astrid Kloock

Herr, ich bin froh, dass ich ein Jude bin, aber noch froher bin ich, dass ich ein Mann bin und keine Frau.« Diese Worte eines Rabbiners sind überliefert aus einer Zeit, als Jesus von Nazareth Wanderprediger in Galiäa war.

Ursula Dippold aus Ludwigslust sagt: »Ich bin gern eine Frau«. Das Jahr 2017 begann für sie mit einem freudigen Ereignis. Sie war ins Schloss Bellevue eingeladen, zum Neujahrsempfang des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Neben den üblichen Protokollgästen kamen Bürgerinnen und Bürger zur Feier, die sich um das Gemeinwohl besonders verdient gemacht hatten. Siebzig Geladene aus allen Bundesländern, sechs davon aus Mecklenburg-Vorpommern. Ursula Dipphold war eine von ihnen. Sie freut sich über die Anerkennung ihrer Arbeit. Dippold leitet das Frauenhaus Ludwigslust, seit 22 Jahren.

Ursula Dippold, Jahrgang 56, ist in einem Land groß geworden, in dem es keine Frauenhäuser gab. In der DDR war die Gleichstellung der Geschlechter ein wichtiger Gedanke im sozialistischen Gesellschaftsvertrag. Die Frauen in der DDR waren selbstbewusst, trotz mancher Mängel im System. Nicht alle Frauen bekamen ihren Traumberuf, aber sie bekamen Bildung und Arbeit. Sie konnten ihr Leben aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen. West-Frauen waren bis in die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und länger auf die Erlaubnis des Ehemannes angewiesen, wenn sie ein Konto eröffnen oder den Führerschein machen wollten. Das Gesetz zum Schutz der Ehe, das den Frauen mehr Pflichten als Rechte gab, wurde erst 1998 abgeschafft.

Auf dem Papier gestrichen, aber in den Köpfen hält sich so mancher Spuk. Der Spuk von der Erbsünde - die Frau sei dem Manne untertan - ist so alt wie die Bibel. Die Frauen, die bei Ursula Dippold Schutz suchen, haben Gewalt erfahren, sind gedemütigt, geschlagen, gequält worden. »Ich kann nicht mehr«, das sind meist die ersten Worte, wenn sie ankommen. Die zweiten Worte: »vielleicht bin ich schuld.« Mehr als die Hälfte der Betroffenen klagt sich selbst an: Ich habe nicht richtig gekocht, ich habe nicht geduldig zugehört, ich habe ihn nicht verstanden … Vor lauter Schuld sehen sie ihre Rechte nicht. Da fängt dann die Arbeit von Ursula Dippold und ihren Mitarbeiterinnen an.

Ein Beispiel: Frau B. kam im Sommer ins Frauenhaus. Sie war arg zugerichtet. Eine sechzigjährige Frau. Sie suchte Schutz vor ihrem Mann, mit dem sie seit mehr als dreißig Jahren verheiratet war. Sie war depressiv, eingeschüchtert, mied Blickkontakt. Frau B. hatte sich in den Jahren mit der rechthaberischen Art ihres Mannes abgefunden und hätte es weiter getan, wenn er nicht zunehmend gewalttätig geworden wäre. Vor seinen jähzornigen Ausbrüchen war sie geflohen. Freunde und Familie waren der Meinung, sie schaffe es nicht, sich aus der Ehe zu befreien. Jahrelange Demütigungen hatten ihr Selbstvertrauen zerstört. Aber der Alltag im Frauenhaus, die Gemeinschaft der Leidensgenossinnen und das Bewusstsein, dass sich Sozialarbeiter, Therapeuten und Mediziner um ihr Schicksal kümmern, taten ihr gut. Sie traute sich wieder etwas zu, betreute die Kinder, strickte Socken, kochte. Sieben Monate war sie im Frauenhaus. Sie trennte sich von ihrem Mann, der seine Gewaltausbrüche nicht beherrschen konnte. Hin und wieder besuchte sie ihn. Er war an einem Tumor erkrankt. Inzwischen ist er verstorben. Frau B. lebt heute in einer kleinen Wohnung. Sie hat einen neuen Arbeitsplatz.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es neun Frauenhäuser, fünf Interventionsstellen, fünf Fachberatungsstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt und acht für Opfer häuslicher Gewalt. Drei weitere Einrichtungen bieten Tätern Hilfe an, ihr Verhalten zu ändern. Eine Einrichtung befasst sich mit den Themen Menschenhandel und Zwangsverheiratung. Das Frauenhaus Ludwigslust, zuständig für den gesamten Landkreis Ludwigslust-Parchim, hat zwölf Plätze und vier Notbetten. Im vergangenen Jahr war das nicht ausreichend. Achtzehn Frauen mussten abgewiesen werden.

Ursula Dippold hat das Frauenhaus Ludwigslust mit aus der Taufe gehoben. Das war im Dezember 1995. Zu DDR-Zeiten hatte sie in der Volksbildung gearbeitet. Nach der Wende suchte sie sich eine neue Aufgabe. Aus der Lehrerin wurde im Laufe der Jahre durch nimmermüde Weiterbildungen die Mitarbeiterin und Leiterin des Frauenhauses. Sie hängt mit ganzer Liebe an ihrem Beruf. »Arbeit mit dem Menschen«, sagt sie, »dafür kann man gar nicht genug gelernt haben.« Sie brachte auch ihr Erziehungsprinzip Makarenko, angelehnt an den sowjetischen Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko, mit ins Frauenhaus. »Bei Makarenko heißt es Kollektiv, heute sagen wir Team, und dass Arbeit ein Stützkorsett für den Menschen ist, stimmt immer noch.«

Ursula Dippold ist Vorbild für ihre Kollegin Anja Dittmann, die seit einem Jahr im Frauenhaus Ludwigslust arbeitet und viel von der erfahrenen Leiterin lernt. Anja Dittmann ist 34 Jahre, eine kleine Frau mit großer Energie. »Der Job im Frauenhaus ist anstrengend«, sagt sie. »Wir sind Organisatoren, Chaosberuhiger, Sozialarbeiter, Vertrauenspersonen für Menschen allen Alters, aller Schichten von Bildung und Ansehen - ein umfassend fordernder Beruf. Wunderbar. Wo gibt es das sonst? Das ist anstrengender Luxus.« Die alleinerziehende Mutter hat acht Jahre als selbstständige Heilpraktikerin gearbeitet. Sie möchte Psychologin werden. Neben ihrer praktischen Arbeit im Frauenhaus hat sie sich als Fernstudentin an der Universität Hagen eingeschrieben. Das Thema ihrer Abschlussarbeit: Sprache und Sprachlosigkeit. »Das Thema brennt«, sagt sie. »40 Prozent der Gewaltbetroffenen sind Migranten, nicht überall, aber im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Die meisten kommen aus Syrien und Afghanistan. Ohne die Sprache und die andere Kultur zu verstehen, können wir wenig helfen.«

Ein Beispiel sind Flüchtlinge in der Erstaufnahmestelle. Mitten im Gewusel eine Familie mit drei kleinen Kindern. Der Mann schlägt auf seine Frau ein und lässt auch nicht von ihr ab, als sie am Boden liegt. Ein Helfer in der Sammelstelle ist Augenzeuge. Er packt die Frau und ihre drei Kinder. Die Frau wehrt sich. Sie will nicht ins Frauenhaus. Sie schreit den Helfer an, aber der versteht sie nicht. Erst die Dolmetscherin erklärt die Situation: »Helfen Sie meinem Mann«, hatte die Frau geschrien. »Er hat ein Foltertrauma. Er ist aus dem Knast ausgebrochen.« Die Familie kommt aus Irak. Der Mann wird politisch verfolgt. Das Frauenhaus kann für die irakische Mutter keine Lösung sein. Die Trennung von ihrem Mann bedeutet, dass sie keine Duldung bekommt. Sie würde wahrscheinlich nach Irak zurück geschickt werden. »In meinem Dorf steinigt man eine Frau, die ihren Mann verlässt«, sagt die Frau. In diesem Fall war der Artikel 1 des Grundgesetzes ausschlaggebend bei der Auslegung der Asylgesetze. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Irakerin lebt von ihrem Mann getrennt. Sie hat einen Aufenthaltstitel bekommen. Für ihren Mann wurde eine Traumatherapie bewilligt. Zwischen beiden gibt es wieder eine vorsichtige Annäherung. Die Frage an die Irakerin, ob sie gern eine Frau sei, wäre wohl noch zu früh.

Seit Adam und Eva gibt es Gewalt unter den Menschen, in Diktaturen, in Demokratien, in allen außerparadiesischen Gesellschaften. In den Beratungsstellen in Mecklenburg-Vorpommern wurden im vergangenen Jahr 4200 erwachsene Hilfesuchende gezählt, zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das ist nicht unbedingt ein Signal gestiegener Gewalt, es zeigt auch, dass das Netzwerk der Hilfseinrichtungen transparenter geworden ist. Dennoch: 98 Prozent der Gewalttaten bleiben laut Schätzungen im Dunkeln. Frauenhäuser sind wichtig, denn der Bedarf ist da. Was fehlt, sind Männerhäuser. Von Gewalt bedrohten Männern bleibt meist nur die Zuflucht ins Obdachlosenheim. Es fehlen Schutzhäuser für Homosexuelle, für psychisch Kranke. Es fehlt die versprochene Barrierefreiheit für alle diese Einrichtungen.

Das Frauenhaus Ludwigslust ist rund um die Uhr erreichbar. Der Stundenplan der Mitarbeiterinnen sieht jeden Tag anders aus. Behördengänge, Wohnungsbesichtigungen, Krankenhausbesuche, Gruppengespräche. Einzelgespräche. Dokumentation. Loben. Sich freuen. Auf jeden Fall mitfühlen. Auf keinen Fall mitleiden. Ruhig bleiben. Tief atmen. In die Augen sehen.

»Ob Jude oder Moslem oder Atheist - ich freue mich, dass ich eine Frau bin und kein Mann«, sagt die Leiterin des Frauenhauses Ludwigslust. »Ich bin gern eine Frau.«

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