Nicht Mars ist schuld, es sind die Menschen

Ilja Steffelbauer hat eine kursorische Geschichte des Krieges verfasst. Von Armin Jähne

Sind bewaffnete Auseinandersetzungen in klassenloser Zeit und in Stammesgesellschaften als Kriege zu bezeichnen? Ilja Steffelbauer behilft sich bei dieser Streitfrage mit dem Begriff »endogener Krieg«. Aber ein Krieger der Sioux oder der Nani in Neuguinea war kein Soldat, geschweige denn Söldner.

Eröffnet wird der hier anzuzeigende Streifzug durch mehrtausendjährige Kriegsgeschichte mit dem in Homers »Ilias« geschilderten Trojanischen Krieg. Einer der Protagonisten war der adlige Einzelkämpfer Achill, den neben Gefolgstreue die Aussicht auf Beute leitete. Ihretwillen zog er in die Schlacht, die er zornig verließ, als er sich in seinem Ehrgefühl verletzt und um seine Beute - die schöne Briseis - betrogen fühlte. Achill verkörpert den brutalen, gewissenlosen, ruhmsüchtigen Archetyp, den es noch heute gibt, sei es als Warlord oder Terrorist. Dem Negativhelden stand der edle Trojaner Hektor entgegen, für den bereits andere Werte galten, vor allem Verantwortung für das Gemeinwesen. Übrigens ist die »Ilias«, was oft verkannt wird, ein Antikriegsepos - und das in der Morgenröte der europäischen Literatur.

Am Beispiel von Julius Cäsar werden Grundsätze römischer Kriegsführung abgehandelt, insbesondere anhand des Krieges gegen die Gallier. Cäsars Strategie zeige, so Steffelbauer, »unzweifelhaft das Ziel eines Raubzugs, nicht einer nachhaltigen Eroberung«. Der Gallische Krieg war jedoch beides: Plünderung einer Region, um Cäsars Finanzen zu sanieren, und dauerhafte Eroberung. Es geht weiter mit dem Kreuzfahrer Richard Löwenherz, mit Rittern und Ritterheeren. Nicht »Gott« trieb die in Eisen gerüsteten Krieger an die Levanteküste. Was unter der Losung der »Befreiung des Heiligen Grabes« geschah, war eine Ausgeburt der westeuropäischen Feudalordnung, die - in eine Krise geraten - nach Ausweitung durch Landnahme strebte.

Steffelbauer schaut über Europa hinaus, stellt Subutai, »den Tapferen«, Anführer mongolischer Reiterheere, und den Japaner Oda Nobunaga, Kombinierer von massierten Kavallerie- und Infanterieangriffen, vor. Mit Admiral Horatio Nelson und dem jungen Kavalleristen Winston Churchill ändert sich die Perspektive des Autors; von nun an steht der Charakter des Krieges im Fokus: der imperiale Seekrieg und der asymmetrische Kolonialkrieg. Natürlich fehlen nicht die Weltkriege. Der Leser trifft hier auf Ernest Hemingway. Aus dem Rahmen fallen die Kapitel »Der Putschist« über General Cemal Gürsel, der den Staatsstreich des türkischen Militärs 1960 anführte, sowie »Kalte Krieger« über den sowjetischen Oberstleutnant Stanislaw J. Petrow, verantwortlich für die computer- und satellitengestützte Überwachung des Luftraums, der in einer Septembernacht 1983 die Auslösung eines atomaren Gefechtsalarms vereitelte und damit die Welt vor einem Nuklearkrieg bewahrt hat. Nicht in dieses Buch passt der letzte Abschnitt, »Der Terrorist«. Kriege gegen Terroristen lassen sich nicht führen. Zu bekämpfen sind die globalen Drahtzieher des Terrorismus und jene, welche die Industrie der Bürgerkriege füttern und daran verdienen.

Im Vorwort schreibt Steffelbauer etwas naiv, dass »wir« Mars ins Angesicht schauen und sagen müssten: »Ich kenne dich, alter Mann! Ich kenne deine Tricks und Fallstricke! Du wirst mich nicht mehr überlisten.« Der antike Kriegsgott war und ist kein Tattergreis. Er ist wohlgenährt und mit der Zeit stärker und verschlagener geworden. Ein rasender Feind jeder Kultur und Zivilisation, Schlächter der Völker. Er wütet unverdrossen weiter. Warum wohl?

Ilja Steffelbauer: Der Krieg. Von Troja bis zur Drohne, Christian Brandstätter Verlag. 319 S., geb., 29,90 €.

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