Der Wedding als Abbild der Welt

Ein Fotobuch beleuchtet den Stadtteil aus 16 verschiedenen Blickwinkeln

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 3 Min.

Den Gentrifizierungswellen der letzten zwanzig Jahre hat der Wedding lange getrotzt. Während alle anderen Innenstadtbezirke nach und nach ihre angestammten Bewohner ausgetauscht und den Stadtraum für die globale Creative Class hergerichtet haben, blieb der Wedding lange merkwürdig resistent gegen die regelmäßig vorhergesagte Aufwertung zum angesagten Stadtteil. Zu stark waren hier die Beharrungskräfte der alteingesessenen Milieus, zu berüchtigt Ecken wie der Soldiner Kiez, zu abgeranzt viele der Mietskasernenquartiere, als dass sie für »Investoren« von Interesse gewesen wären. Die Schonzeit ist allerdings vorbei, nun hat es auch den Wedding erwischt; die Mieten steigen, wie überall in der Stadt, ins Uferlose, die Bioladendichte erreicht Weltniveau, finstere Spelunken, in die man sich ehemals nicht hineingetraut hätte, werden zu »authentischen« »Kiezkneipen«, in denen man die letzten sitzengebliebenen Säufer gern als Staffage für den urigen Kitzel in Kauf nimmt. Am Ende kommen Touristen.

Aber noch ist der Wedding »auf eine unspektakuläre Art der vielleicht interessanteste Stadtteil Deutschlands«, wie der Tagesspiegel schrieb. Noch treffen hier Menschen unterschiedlichster sozialer und kultureller Milieus, Religionen sowie Lebensstile aufeinander. Sozialer Brennpunkt, Hipster-Bezirk, Melting Pot, altes Westberlin - der Wedding ist ein Abbild der Welt, aber in Miniatur. So lassen sich am Beispiel des Stadtteils im Nordwesten Berlins hervorragend die großen gesellschaftlichen Fragen, etwa um Migration, Gentrifizierung oder das Arm-Reich-Gefälle erörtern. Das dachten sich auch die Journalistin Julia Boek und Grafikdesigner Axel Völcker, die Initiatoren des am 30. Juni erscheinenden Fotobuchs »Berlin-Wedding«.

Beide leben selbst schon lange hier und haben bereits das Magazin »Der Wedding« herausgegeben. Die Idee für ein Buch lag somit nahe. Als Mitstreiter konnten sie die renommierte Fotoagentur »Ostkreuz« und andere Fotografen gewinnen. Entstanden sind 16 ganz unterschiedliche Fotoserien und Blickweisen auf den Wedding. Neben Texten verschiedener Autoren gibt es zeitlose fotografische Reportagen, Essays und Porträts wie etwa von Annette Hauschild über den Zusammenhalt am Biertresen in einer Stammkneipe oder von Espen Eichhöfer, der die Black Community in christlichen Kirchen und Kleingärten besuchte, oder auch von Maurice Weiss, der den Grünen-Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel während seines Arbeitsalltags begleitete.

Flankiert wird der großformatige Band von einer Gruppen-Fotoausstellung in der Galerie Wedding, die bereits am 16. Juni eröffnet. Für die (Vor-) Finanzierung des Buches haben die Herausgeber eine Crowdfunding-Kampagne im Internet gestartet, eine im Kulturbereich inzwischen übliche Methode, Geld für die Realisierung von Projekten zu sammeln. Solcherart Schwarmfinanzierung ist zunehmend unverzichtbar, um in Zeiten von schnellem Medienkonsum und Mainstream-Journalismus hochqualitativen und gesellschaftlich relevanten Fotojournalismus zu ermöglichen. Das Berlin-Wedding-Fotobuch gehört zweifellos dazu. Es hat kein Verfallsdatum, sondern sollte - als Momentaufnahme eines Berliner Lebensgefühls - im Bücherregal aufbewahrt und gesammelt werden.

Frank Schirrmeister ist nd-Bildredakteur und mit einer Fotoserie über die fortschreitende Gentrifizierung im Buch »Berlin-Wedding« vertreten.

Die Crowdfunding-Kampagne findet man im Internet unter: startnext.de/weddingbuch

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