Werbung

Private Aufrüstung

In unsicheren Zeiten wächst offensichtlich der Wunsch nach Selbstbewaffnung

Hans-Georg Maaßen zeichnet ein düsteres Bild. Die Sicherheitslage habe sich im Vergleich zum vergangenen Jahr nicht verbessert, sagte der Verfassungsschutzpräsident unlängst. Fast wöchentlich würden irgendwo in Deutschland Terrorverdächtige festgenommen. »Die Bürger müssen sich mental darauf einstellen, dass ein Anschlag passieren kann.«

Maaßen braucht gar keine Angst zu schüren. Die ist in der Bevölkerung zurzeit ohnehin recht ausgeprägt. Eine Studie der R+V Versicherung hat ergeben, dass 73 Prozent der Deutschen im vergangenen Jahr Furcht vor einem Terroranschlag hatten. Das ist ein Anstieg von 21 Prozent im Vergleich zu 2015. Und auch die Angst vor politischen Extremisten ist angewachsen. Hatte 2015 noch gut die Hälfte der Bevölkerung davor Furcht, so stieg ihr Anteil im vergangenen Jahr auf 67 Prozent an.

Die viel zitierte German Angst geht um - vor Terror und Extremismus. Einhergehend damit wächst der Drang, sich selbst zu schützen und zu bewaffnen. Seit geraumer Zeit verzeichnen die Behörden eine deutlich gestiegene Nachfrage nach dem Kleinen Waffenschein. Den benötigt man, um Schreckschuss-, Gas- oder Signalwaffen mit sich tragen zu dürfen. Waren im November 2015 noch 275 000 Menschen mit einer solchen Erlaubnis registriert, lag ihre Zahl im Oktober 2016 bereits bei 449 000.

Die Frage ist nun, ob dieses gestiegene Sicherheitsbedürfnis berechtigt oder übertrieben ist. Der Blick auf die Kriminalitätsstatistik des Bundesinnenministeriums offenbart zwar eine Zunahme der Gewaltdelikte, etwa stieg die Zahl der Morde im vergangen Jahr auf 374 Fälle an, doch im Hinblick auf die Dekade zuvor ist die Zahl beträchtlich gesunken. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 gab es noch 497 Mordfälle. »Allein auf die polizeiliche Kriminalstatistik zu schauen reicht nicht aus, denn die ist nur ein Arbeitsnachweis der Polizei, aber kein solides Messinstrument für Kriminalität«, erklärt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic gegenüber dem »nd«. »Was die Menschen aber interessiert, ist, welcher Kriminalität sie tatsächlich ausgesetzt sind.« Die Innenpolitikerin hält daher »valide Fakten über die Entstehung und die Entwicklung bestimmter Kriminalitätsphänomene« für notwendig, damit sich die Öffentlichkeit ein realistisches Bild über mögliche Gefahrenlagen machen könne. Denn, so Mihalic, »das Angstgefühl und die reale Kriminalitätsbelastung« gingen häufig weit auseinander.

Mit Statistiken brauche man dem Gehirn nicht kommen, meint dagegen der Psychiater und Psychologe Borwin Bandelow, einer der führenden Angstforscher in Deutschland. »Das Vernunftgehirn sagt uns vielleicht, dass die Gefahr sehr gering ist, Opfer eines Terroranschlags zu werden«, erklärte Bandelow jüngst auf einem Symposium in Berlin. Aber das Angstsystem, das sich in einem relativ einfach gestrickten Teil des Gehirns befinde, lasse sich nicht darauf ein. Furcht könne man nur schlecht mit Rationalität bekämpfen, so der Wissenschaftler, der als stellvertretender Direktor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen tätig ist. »Wir müssen aushalten lernen. Es nutzt ja nichts, sich jetzt zurückzuziehen und uns zu Hause einzuschließen«, sagt Bandelow. Er nennt dies einen »gesunden Fatalismus« - einfach darauf hoffen, dass die Statistik recht behalten wird.

Neben der Angst vor Terror und Extremismus gibt es noch eine weitere, die die Deutschen befallen hat: die Angst vor dem Fremden. In der Studie der R+V Versicherung befürchten 67 Prozent der Befragten, dass Zuwanderer soziale Spannungen auslösen könnten. Diese Verunsicherung ist nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln 2015/16, als es zu sexuellen Gewaltexzessen vornehmlich von arabischen und nordafrikanischen Männern kam, merklich größer geworden. Nach den Übergriffen, die ein enormes Medienecho hervorriefen, setzte ein Run auf den Kleinen Waffenschein ein.

Fachleute sehen diesen Boom überaus kritisch. Wolfgang Beus, Sprecher des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen, rät gegenüber dem »nd« dringend davon ab, sich solche Gas- und Schreckschusspistolen zuzulegen. Er weist auf das »hohe Eskalationspotenzial« dieser Waffen hin, die »mitunter zu lebensgefährlichen Verletzungen führen können«. Solche Pistolen seien kein Spielzeug, sagt Beus. Nicht zuletzt deshalb sei für sie 2003 der Kleine Waffenschein eingeführt worden.

Auch Irene Mihalic hält die zunehmende private Aufrüstung in Deutschland für problematisch. Wenn mehr Waffen im Umlauf seien, führe dies zwangsläufig auch zu mehr Waffengewalt, gibt die Grünen-Politikerin zu bedenken, was letztlich die Arbeit der Polizei deutlich schwieriger und gefährlicher mache. »Damit tragen Waffen zu einer größeren Unsicherheit bei und haben das Potenzial, eine offene Gesellschaft nachteilig negativ zu beeinflussen.«

Martina Renner, Sicherheitsexpertin der Linksfraktion im Bundestag, sorgt sich vor allem wegen der zunehmenden Bewaffnung von Neonazis. Derzeit dürfen bundesweit 750 Rechtsextremisten legal eine Schusswaffe tragen, wie die Bundesregierung kürzlich auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei antwortete.

Renner macht in diesem Zusammenhang auf den oftmals rüden Tonfall und den Hass in den sozialen Netzwerken aufmerksam, in denen insbesondere gegenüber Fremden wachsende Hysterie herrsche. »Fakten geraten dabei oft außer Acht. Stimmungen heizen sich auf. Einhergehend damit verbreitet sich der Gedanke zur Selbstbewaffnung und zur Selbstjustiz. Der Schritt zur rechten Bürgerwehr ist dann nicht mehr weit«, erklärt sie gegenüber »nd«.

Die Abgeordnete hält es für einen Fehler, dass die Polizeipräsenz auf den Straßen in den vergangenen Jahren abgenommen habe und das staatliche Gewaltmonopol schleifen gelassen wurde. Auch Mihalic kritisiert die Personalpolitik der Bundesregierung, die dazu geführt habe, dass selbst Polizeivertreter »die Leistungsfähigkeit der Polizei öffentlich infrage stellen«. Die Opposition im Bundestag ist sich in dieser Frage einig, sie setzt auf mehr Polizei im öffentlichen Raum und verspricht sich davon mehr Sicherheit.

Borwin Bandelow hält sich aus den politischen Diskussionen weitestgehend heraus, wenngleich er als Angstforscher in unsicheren Zeiten ein beliebter Interviewpartner ist. Vornehmlich widmet er sich der Wissenschaft - vertritt dabei aber durchaus gewagte Thesen. So hält er die Beobachtung, die Deutschen neigten zum hasenfüßigen Bedenkentragen mitnichten für aus der Luft gegriffen. Und die Ursache dafür sieht er in der Evolution: Als Mitteleuropa vom Süden her besiedelt wurde, hätten nur jene überlebt, die vorsichtig gewesen seien. Die einen hätten sich Vorräte angelegt, die Unbekümmerten seien hingegen nicht über die Winter gekommen, so der Forscher. Da sich die Anfälligkeit für Ängste zum großen Teil vererbe, seien die Deutschen folglich die Nachfahren dieser Vorsichtigen. Bandelow zufolge liegt ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis hierzulande mitunter an den Genen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung