Das Rührstück

Keiner versteht sich auf den dramatischen Ligaverbleib so gut wie der Hamburger SV

  • Von Frank Hellmann, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Vielleicht hatte den »HSV Supporters Club« ja eine leise Vorahnung beschlichen. Dass die Fanvereinigung, die sich um die stilgerechte Gemütslage im Volksparkstadion kümmert, die Zuschauer aufforderte, Abertausende von Bierkrawatten vor dem Relegationsdrama zwischen dem Hamburger SV und VfL Wolfsburg (2:1) auf den Rasen zu werfen, sollte in der Rückschau die passende Ouvertüre bilden. Keine zwei Stunden später schleppten freudetrunkene HSV-Profis tatsächlich Bierflaschen aus der Kabine, um sich im von glücksseligen Menschen gefluteten Innenraum feiern zu lassen. Und der feixende Lewis Holtby dirigierte mal wieder mit freiem Oberkörper die Massen.

Man muss diese überschäumenden Bilder nicht immer mögen, aber versteht jemand besser die emotionale Inszenierung auf den Ligaverbleib? Wer gedacht hätte, die Auferstehung des vergessenen HSV-Helden Pierre-Michel Lasogga mit dem späten Ausgleichstreffer auf Schalke eine Woche zuvor sei schon zu kitschig, der hatte das finale Rührstück am 34. Spieltag an der Elbe nicht bedacht. Mit der bis dahin fast übersehenen Randfigur Luca Waldschmidt in der Hauptrolle, der erst am Freitag seinen 21. Geburtstag gefeiert hatte.

Seinen ersten Profivertrag gab ihm einst bei Eintracht Frankfurt ein gewisser Heribert Bruchhagen, dem nun eine zweite Relegation hintereinander als Vorstandsvorsitzender erspart bleibt. »Das Spiel hat es nicht hergegeben«, räumte der 68-Jährige ein, wohl wissend, dass ein Verein gerade wieder an seiner eigenen Legende strickte. Das Prädikat »unabsteigbar«, das einst der VfL Bochum durch die Liga trug, hat der Hamburger SV inzwischen für sich gepachtet. Die Uhr tickt einfach immer weiter. Daheim im Volkspark, wo der HSV 28 seiner 38 Punkte holte.

Der besondere Geist, den Bruchhagen später herausstellte, war dabei meist erst zu besichtigen, wenn den Entfesselungskünstlern mit der Raute auf der Brust das Wasser schon bis zum Trikotkragen stand. Dann erst bewiesen die Rothosen ihr »großes Herz« (Bruchhagen). Insofern war dieses Finale mit dem erlösenden Kopfballtor des gebürtigen Siegeners fast logisch, der das Stadion zum Überschäumen brachte. »Reinkommen, Tor machen, nach Hause!« So beschrieb Torhüter Christian Mathenia die Unterredung, die er mit dem Erlöser gehabt hatte. Der vor der Saison aus Darmstadt verpflichtete Tormann und das im Sommer aus Frankfurt geholte Talent sind Zimmerkollegen und haben sich nicht nur einmal gewundert, welch emotionale Wucht ihrem neuen Arbeitgeber inne wohnt. Mathenia erzählte, er habe ein gutes Gefühl gehabt, als das Trikot mit dem Aufdruck Waldschmidt hochgehalten wurde - vier Minuten vor Ende der regulären Spielzeit, als dem Dino die dritte Nervenschlacht gegen einen Zweitligisten binnen vier Jahren drohte. »Einfach nur geil«, stammelte der Matchwinner, ehe auch er das Bad in der Menge genoss.

»Luca hatte es verdient, weil er die ganze Saison mitgezogen hat«, sollte HSV-Trainer Markus Gisdol später erklären, der als Fußballlehrer ungewöhnlich tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt zuließ. »Nach dem zehnten Spieltag waren wir tot, hatten nur zwei Punkte. Wir aber wollten die Geschichtsbücher neu schreiben.« Mit stockender Stimme und feuchten Augen berichtete der 47-Jährige von einer inneren Überzeugung, die nach seinem Dafürhalten »tiefer hängt«. Er selbst sei jetzt einfach »leer und fertig.«

Im Nachhinein sei er »gutgläubig und leichtsinnig« gewesen, das Hamburger Himmelfahrtskommando überhaupt anzunehmen. »Wir würden gerne andere Geschichten schreiben, aber es war nur diese Geschichte möglich.« Ihm habe diese Mission alles abverlangt, vor allem in mentaler Hinsicht, »das kann ich mir nicht noch einmal vorstellen.« Man müsse die richtigen Schlüsse ziehen, »nur das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt«. Ähnlich hörte sich das beim Manager Jens Todt an, als der mit biergetränktem Hemd und Haaren von seiner »wahnsinnigen Erleichterung« berichtete, »auch wenn wir nur unser Minimalziel erreicht haben«.

Es wäre nämlich der größte Fehler, im Feierrausch wieder alles zu vergessen, was schiefgelaufen ist. Wenn ein Kader, der im Lizenzspieleretat doppelt so viel wie jener des Tabellensiebten SC Freiburg kostet, den Sprung auf Platz 14 feiert wie die siebte deutsche Meisterschaft, dann steht Grundsätzliches zur Erörterung an, zumal selbst dieser Klub einen derartigen Kraftakt nicht auf Knopfdruck wiederholen kann. »Wir dürfen feiern, dann schlafen, schlafen, schlafen«, sagte Todt, »und danach treffen wir uns wieder.« Er habe schon einen Plan für Änderungen. Nur die Bierkrawatten sollten ruhig weiterfliegen.

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