Freiwillig weniger Fett und Zucker

Ernährungsminister legt Strategie gegen ungesunde Lebensmittelzusätze vor

Zu fettig, zu süß, zu salzig - die Essgewohnheiten vieler Bundesbürger sind mindestens bedenklich. Besonders Fertiggerichte enthalten zu viel der genannten Stoffe. Weil sie billig und in großen Mengen vorhanden sind, nutzt die Industrie sie als Geschmacksverstärker für Pizzen, Joghurt, Brot, Cornflakes, Erfrischungsgetränke oder Tütensuppe. Das ist nicht nur für den Einzelnen gesundheitlich bedenklich, sondern belastet auch die Gesundheitssysteme. Die Zunahme ernährungsbedingter Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen lässt sich etwa auf ein Übermaß an Transfetten, Zucker und Salz in der Nahrung zurückführen. Laut Daten des Mikrozensus, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ausgewertet hatte, waren zuletzt 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen hierzulande übergewichtig.

Die Gründe für die Entstehung von Übergewicht und die damit zusammenhängenden Krankheiten seien lange bekannt, sagt Ex-DGE-Präsident Helmut Heseker: »Viele Menschen in Deutschland essen zu viele energiereiche Lebensmittel und bewegen sich zu wenig. Preiswerte und schmackhafte Lebensmittel und Getränke mit hohem Energiegehalt sind nahezu überall verfügbar.« Das ist nichts wirklich Neues, aber bei der Bundesregierung mahlen die Mühlen langsam. Vor zwei Jahren bereits beauftragte der Bundestag das Landwirtschafts- und Ernährungsministerium von Christian Schmidt (CSU), Strategien gegen zu hohen Zucker-, Fett- und Salzkonsum in industriell hergestellten Lebensmitteln zu entwickeln. Kurz vor der Bundestagswahl legt Schmidt nun noch schnell ein halbherziges Konzept vor.

Der 40-seitige Plan, über den die »Rheinische Post« (Montag) berichtete, sieht demnach vor, dass die Lebensmittelhersteller freiwillig und schrittchenweise weniger Salz, Zucker und Fett in all ihre Fertigprodukte einarbeiten - und zwar in »kleineren, kaum sensorisch bemerkbaren Reduktionen«. Geschmack, Haltbarkeit und Qualität dürften nicht negativ beeinträchtigt werden, heißt es.

Zielwerte gibt Schmidt den Unternehmen nicht vor, die Ernährungswirtschaft soll sich bis Mitte 2018 freiwillig auf Eckdaten einigen. Voraussetzung soll allerdings sein, dass die Produkte am Ende nicht energiedichter sein dürfen als vorher - ein Austausch der ungesunden Stoffe durch andere hochkalorische Bestandteile ist somit ausgeschlossen. Als Richtwerte sollen bestehende EU-Vorgaben dienen. Schmidt bezieht sich in seinem Aktionsplan auf Daten, laut denen Frauen hierzulande im Durchschnitt 13,9 Prozent ihrer Energiezufuhr über zugesetzten Zucker zu sich nehmen, bei Männern sind es rund 13 Prozent. Nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation dürften es aber höchstens zehn Prozent sein. Auch bei gesättigten Fettsäuren und Salz liegen die konsumierten Mengen demnach teils deutlich über den von Gesundheitsexperten empfohlenen.

Inwieweit die Hersteller Schmidts Konzept auch wirklich umsetzen, ist allerdings fraglich, Sanktionen hat die Industrie nämlich laut den bisherigen Plänen nicht zu erwarten. Bisher liefen freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie eher schleppend - so die über die Reduzierung der Plastiktütenmenge oder das Abkommen für bessere Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern der Textilindustrie. Die freiwillige Vereinbarung über die Rücknahme elektronischer Geräte durch den Handel wurde so schlecht umgesetzt, dass die Bundesregierung am Ende nicht umhin kam, doch noch ein Gesetz zu erlassen, zumal der Druck aus Brüssel anstieg.

Beim Thema Ernährung dagegen scheinen die jahrelange Kritik von Medizinern und Verbraucherschützern und die alarmierend schnell steigende Übergewichtsrate noch nicht auszureichen, um gesundheitsgefährdende Nahrungsmittel oder Inhaltsstoffe gesetzlich zu regulieren. Auch für die von Verbraucherschützern seit Jahren geforderte Lebensmittelampel, die durch ein einfaches Farbschema anzeigen soll, wie ungesund ein Lebensmittel ist, gibt es derzeit keinen politischen Weg.

Im Juli will Schmidt sein Strategiepapier im Bundeskabinett vorlegen, ob es noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden kann, ist unklar.

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