Die Hüter des Titicacasees

Private Initiativen versuchen sich in Müllbeseitigung, während die Behörden ihre Zusagen nicht einhalten

  • Von Knut Henkel, Puno
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Sack ist mit Dosen und Plastikflaschen bis oben hin vollgestopft. »Das ist der dritte Sack heute«, erklärt Nele Mamani Vilar. Die Frau von Anfang 60 sammelt nicht aus purer Lust, denn sie bringt die Flaschen zur Recyclingstelle und erwirtschaftet sich so etwas Geld, wenn sie gerade keinen Job hat. Das ist öfter der Fall, denn Perus größte Stadt am Titicacasee lebt vom Tourismus, Handel und ein wenig Landwirtschaft. »Der See ist unser größtes Kapital. Doch der neue Bürgermeister kümmert sich nicht um den Müll, der sich am Ufer sammelt und Mülleimer an der Promenade gibt es auch nicht«, murrt die Flaschensammlerin.

Der Bürgermeister der 150 000- Einwohner-Stadt Puno heißt Iván Flores Quispe und für ihn hat der See und dessen Erhalt als größte Trinkwasserreserve Lateinamerikas keine Priorität, so César Suaña. Der Fernsehjournalist und Moderator ist einer, der sich seit Jahren mit der Wasserqualität des Sees beschäftigt und zu der Gruppe von Journalisten gehört, die sich in Lima zwei Klärwerke angesehen haben, um zu lernen, was für Puno das richtige wäre. »Puno hat kaum Industrie, wir brauchen eine Anlage, die mit den typischen Abwässern einer Dienstleistungsstadt fertig wird«, so der 57-Jährige.

Die ist überfällig, denn die Abwässer der Stadt gehen mit etwas Sauerstoff versetzt ungefiltert in den See. »Den Umgang mit dem Müll monieren auch die Touristen«, so Walter Durán. Er nimmt Besucher an Bord seines Ausflugsschiffes, um zu den aus Totora-Schilf gebauten schwimmenden Inseln der Urus zu fahren oder zur Isla Soto, wo es noch viele der Riesenfrösche geben soll, die nur im Titicacasee vorkommen. »Die kommen längst nicht mehr so oft vor wie früher«, erklärt der Kapitän. Er ist seit 15 Jahren auf dem See unterwegs und macht sich Sorgen um seine Zukunft. »Wir alle müssten mehr für den See tun, denn wir alle leben von ihm - vom Fischreichtum und von seiner Attraktivität als Touristenattraktion«, sagt der 39-Jährige. Immer mal wieder hat er Alberto Lescano Rivero mit raus genommen. Den kennt fast jeder am Bootssteg von Puno, denn der hagere grau melierte Mann engagiert sich seit 1987 für den See und gegen die zunehmende Kontaminierung.

»Der Titicacasee ist seit Jahren gefährdet. Wir haben es zwar 2012 geschafft, ihn dank der Unterstützung des Global Nature Fund (GNF) zum gefährdeten See zu erklären, aber bis heute hat die Belastung durch Einleitungen aus dem Bergbau und den ganz normalen Haushalten zu- statt abgenommen«, mahnt er. Der 74-Jährige reist auch auf internationale Konferenzen, hält Vorträge und appelliert an die Regierungen von Bolivien und Peru, endlich mehr für den See zu tun. Auf peruanischer Seite gibt es lediglich eine kleine Kläranlage, auf bolivianischer eine größere, die für 300 000 Menschen konzipiert ist: Sie soll aber die Abwässer der eine Million Einwohner zählenden Stadt El Alto klären.

Fraglos sind zusätzliche Investitionen nötig. Vor drei Jahren haben sich beide Staatsoberhäupter getroffen und Maßnahmen in Aussicht gestellt. Schon damals hat Peru angekündigt, zehn Klärwerke rund um den See bauen zu wollen und dafür Investitionen von 437 Millionen US-Dollar in Aussicht gestellt. »Bis heute ist aber nichts passiert, nur die Baukosten sind auf 1,2 Milliarden US-Dollar explodiert - eine zweifelhafte Summe«, moniert Lescano Rivero. Rivero leitet das kleine Zentrum für Umwelt und Sozialentwicklung (Cedas) in Puno und hat mit seinen Mitstreitern nachgerechnet, Preise bestehender Klärwerke verglichen und ist zu dem Schluss gekommen, dass Perus größter Baukonzern, Graño y Montero, nicht sauber kalkuliert hat: »Nicht zum ersten Mal. Der Konzern hat keinerlei Erfahrung beim Bau von Klärwerken, aber eng mit dem brasilianischen Odebrecht-Konzern zusammengearbeitet, der in Peru systematisch bestochen hat«, sagt der Umweltaktivist und rauft sich entnervt die grauen Haare.

Wegen der Ermittlungen gegen den Baukonzern und den Gerüchten, die kursieren, ist es nicht zu den nötigen Entscheidungen zum Bau der Klärwerke gekommen, glaubt Lescano Rivero. Das soll sich laut dem peruanischen Präsidentenpalast alsbald ändern. Bereits im Wahlkampf hat Präsident Pedro Pablo Kuczynski versprochen, das Problem der Kontaminierung des Titicaca-Sees zu lösen. Alberto Lescano Rivero ist aber skeptisch: »Die ersten Zusagen datieren bereits aus dem Jahr 2014 und passiert ist bis heute nichts«, gibt er zu bedenken. Zudem glaubt er nicht, dass sich die Regierung von Graño y Montero die Preise diktieren lassen wird. Es wird sich also wohl hinziehen, bis wirklich Kläranlagen am Titicacasee entstehen. Doch Alberto Lescano Rivero, der Hüter des Titicacasees, wird weiter darauf drängen.

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