Sexueller Missbrauch ans Licht gebracht

Aufarbeitungskommission legt einen erschütternden Zwischenbericht vor

Es geht darum zu reden. Die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch bietet Gespräche mit Betroffenen in einem vertrauten Raum an. Rund 1000 Menschen haben sich seit Mai 2016 bei der Kommission gemeldet, heißt es in einem Zwischenbericht. Etwa 200 Betroffene konnten bislang angehört werden, zusätzlich sind rund 170 schriftliche Berichte bei dem Gremium eingegangen. Ziel ist es, mehr über den erlittenen Missbrauch zu erfahren, der in Familien und Institutionen stattfand. Noch immer gebe es nämlich große Leerstellen bei Erkenntnissen über Ausmaß, Ursachen und Folgen der Übergriffe, erklärte die Kommission in ihrem Bericht.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, zeigte sich »tief erschüttert« über die Ergebnisse der Anhörungen. Sie gäben einen intensiven Einblick in das Leid missbrauchter Kinder und das Versagen ihres Umfeldes.

Mehr als 60 Prozent der geschilderten Übergriffe fanden in den Familien statt. Hilfe haben die Kinder nur selten erhalten. Die Täter waren in den meisten Fällen männlich, die Betroffenen Mädchen - in vier von fünf Fällen meldeten sich Frauen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren bei der Kommission. »Manche Betroffene haben zum ersten Mal über ihre Erlebnisse gesprochen«, sagte Rörig.

Bestürzt zeigte sich der Beauftragte über die Reaktionen in den Familien. Denn oftmals wurde über das Geschehene nicht geredet. Zu selten stellten sich Mütter schützend vor ihre Kinder, nicht selten befanden sie sich selbst in einer finanziellen wie emotionalen Abhängigkeit von ihren Ehemännern. Dennoch hätten sie als Mitwissende das Geschehene geduldet und dadurch unterstützt, so das Fazit der Studie.

Bei den betroffenen Männern, die sich bei der Kommission meldeten, fand annähernd jeder zweite Übergriff in Heimen und Internaten statt.

Die einstigen Opfer äußerten in den Gesprächen vielfach den Wunsch, dass Kinder und Jugendliche künftig besser vor Übergriffen geschützt werden sollten. Die Aufarbeitung könne dazu beitragen, erklärte die Frankfurter Kindheitsforscherin Sabine Andresen, die der Kommission vorsitzt. Von der Politik verlangt das Gremium eine stärkere Unterstützung für die Betroffenen und mehr Zeit und Geld für seine eigene Arbeit.

Die Bundesregierung hat die Aufarbeitungskommission bis zum März 2019 eingesetzt. Mit einem jährlichen Budget von 1,4 Millionen Euro kommen die Anhörungen jedoch nur schleppend voran, beklagt das Gremium. Betroffene müssten bis zu einem Jahr auf einen Gesprächstermin warten. Derzeit könnten keine weiteren Anmeldungen entgegengenommen werden, sagte Andresen. Interessenten werden auf eine Warteliste aufgenommen - in der Hoffnung, dass die Mittel bald aufgestockt werden.

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