Schlechte Mutter, egoistische Tochter

Erkundungen mit Schmidbauer: Wozu wir böse Eltern brauchen

  • Wolfgang Schmidbauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein Freund, der nach einer Lebensphase als Ordensmann und Priester Psychoanalytiker wurde, pflegte zum vierten Gebot zu sagen: Die Sache mit dem »Ehren« der Eltern sei sehr missverständlich und werde oft auf emotionale Inhalte bezogen. Im Urtext habe die Anweisung den erwachsenen Kindern gegolten und besagt, die Eltern nicht verhungern zu lassen. Heute brauchen Eltern in den zivilisierten Ländern diese Form der Versorgung nicht mehr. Das vierte Gebot hat seine greifbare Substanz verloren, sich aber in narzisstische Dimensionen gebläht. Unter Kindern und Eltern ist wechselseitige Anerkennung notwendig, um dem deprimierenden Schuldgefühl zu entgehen, eine schlechte Mutter, ein schlechter Vater, eine schlechte Tochter, ein schlechter Sohn zu sein.

Solche Ansprüche sind uferlos und im Ergebnis nicht selten paradox. In eine Therapiepraxis kann heute ein Klient kommen, der seine Eltern anklagt, sie hätten ihn mit Cellostunden und Ballettunterricht gequält, morgen einer erscheinen, der seine Eltern anklagt, nicht einmal ein Musikinstrument könne er spielen, so wenig hätten seine Eltern sich um ihn gekümmert.

Eltern, die sorgfältig darauf geachtet haben, dass es ihrem Kind gut geht und es möglichst viel von dem bekommt, was es sich wünscht, sind vor Entwertung nicht sicher. »Ihr habt mich nie selbstständig werden lassen, ihr habt mir alles abgenommen, ich wusste gar nicht, was ich selbst wollte.« »Du warst doch ein zufriedenes, glückliches Kind!«, sagt die Mutter. »Alles vorgetäuscht«, sagt die dreißigjährige Tochter, »ich habe dir nur keinen Kummer machen wollen. Ich habe doch gewusst, du brauchst das, dass es mir gut geht, dass ich glücklich bin, du bist davon abhängig.«

Die Mutter hat eine fröhliche und glückliche Tochter gewollt, um ihre Unsicherheit zu bekämpfen, ob sie genug für das Kind tue und eine gute Mutter sei. So hat sie ihr Kind tatsächlich davor bewahrt, sich damit abzufinden, dass die Mutter sie zwar vor Hunger und Kälte schützen kann, aber nicht vor den Kränkungen, die sich aus den Niederlagen in den Rivalitäten ergeben, die in einer modernen Sozialisation schon im Kindergarten beginnen. So liebevoll, bewundernd und bestätigend, so ganz auf ihrer Seite wie die Mutter war kein anderer Mensch. Umso tiefer haben sich deshalb die Kränkungen in das Gedächtnis gegraben, welche die Mutter nicht wettmachen konnte - nicht so schlank, so sportlich, so beliebt zu sein, wie es die Sehnsucht gebot.

Die Mutter braucht die Erinnerungen an ein glückliches Kind, aus dem eine glückliche, dankbare Tochter herangewachsen ist, um ihr Selbstgefühl zu festigen. Die Tochter hingegen vergleicht ihren seelischen Zustand mit dem der Mutter und kann ihr dieses Erfolgserlebnis nicht gönnen. Als sie so alt war wie die Tochter jetzt, ging es der Mama besser und sie hatte es leichter, sie war zufrieden mit ihrem Beruf, sie hatte eine gute Zeit mit dem Papa, während die Tochter sich ihren beruflichen Aufgaben kaum gewachsen fühlt.

Als Schulkind hat die Tochter manchmal eine Pizza in die Mikrowelle geschoben, wenn die Mutter bei der Arbeit war. Sie aß gerne Pizza und nahm das Lob entgegen, wie selbstständig sie schon sei. An den weitaus meisten Tagen jedoch hat sich die Mutter beeilt, pünktlich nach Hause zu kommen. Jetzt aber erinnert sich die Tochter: Ich musste mir immer Tiefkühlkost aufwärmen. Die Mutter ist fassungslos: Wie kann das Kind das vergessen haben? Die Tochter will nichts von der früheren Bewunderung, Nähe mit der Mutter wissen. Dann wird die Geschichte so lange gefälscht, wie die errungene Autonomie wackelt oder die Rivalität nicht ausgestanden ist.

Wo aber die narzisstische Angst regiert, etwas nicht gut zu machen und daher auch nicht gut zu sein, gibt es keine Sättigung, sondern nur eine provisorische Sicherheit. Während das hungrige Kind mit dem Essen auch die Vorstellung verinnerlicht, in Ordnung zu sein, ich bin ein gutes Kind und habe ein gute Mutter, weiß das erzogene nicht so genau, ob es in Ordnung ist. Entwertend und voller Klagen über Eltern zu sprechen bedeutet keineswegs, dass die Bindung an sie schwach, die Wünsche an sie verbraucht und zurückgenommen sind. Manches an den Äußerungen der erwachsenen Kinder hört sich so an, als ginge es um die Rechtfertigung für einen eigenen Mangel an Lebenszufriedenheit. Die Eltern haben ihr Kind durchgefüttert und sind dennoch das Wichtigste schuldig geblieben.

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