Direktflug in die Gewitterfront

Über Rosenheim kämpfen sogenannte Hagelflieger gegen Unwetterschäden

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Blick von Georg Vogl richtet sich skeptisch nach oben, in den Himmel. Dort ist eigentlich alles weiß-blau, ein paar Schäfchenwolken ziehen an der Sonne vorbei. »Das schaut heute gut aus«, sagt der Chefpilot, und ergänzt: »Das kann sich aber auch schnell ändern.« Wir stehen irgendwo in der oberbayerischen Pampa vor einem Flugzeughangar, hinter uns eine einsame, asphaltierte Landepiste. Noch vor ein paar Minuten hat der 59-Jährige eine zweimotorige Maschine mit Hilfe eines knallgelben Gabelstaplers aus dem Hangar gezogen. Denn das hier ist der Einsatzflugplatz Vogtareuth der Hagelflieger von Rosenheim und Vogl ist der Chef eines siebenköpfigen Teams, das mit Silberjodid-»Raketen« Unwetterschäden von der Landwirtschaft abhalten soll. Die Piloten tun dies im Auftrag des Landratsamtes und sind damit in Bayern eine ziemlich einzigartige Truppe, nur in Baden-Württemberg gibt es weitere Gewitterjäger.

Und natürlich verlassen sich die Flieger nicht auf den Augenschein allein, sondern sind über Funk mit den Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes verbunden und aktuelle Daten liefert ein meteorologisches Büro in München. Auch können mit Hilfe der Hochschule Rosenheim Radarbilder der Wetterlage direkt ins Cockpit gesendet werden. Meist kommen die Gewitterwolken am Nachmittag. So wie an jenem Freitag im Mai, als ein Sturm über Deutschland hinwegfegte und schließlich auch im Münchner Raum Hagelkörner mit einem Durchmesser von bis zu drei Zentimetern fielen. Die südlichen Landkreise Rosenheim, Traunstein und Miesbach sind dabei besonders von der Hagelgefahr betroffen, die große Schäden auf den Feldern und beim Obstanbau anrichten kann. Hier werden vierzig Prozent mehr Hagel registriert als in nördlicheren Gebieten. Ursache dafür sind die großen Wassermassen von Chiemsee, Ammersee und Starnberger See. Deren Wasser verdunstet und trägt so zur Wolkenbildung bei.

Und dagegen fliegen Vogl, Ex-Pilot der Bundeswehr, und sein Team an. Ihre Arbeitsgeräte tragen dabei den Namen »Hannelore« und »Käthi«. Das sind zwei siebensitzige Flugzeuge aus italienischer Produktion des Modells »Partenavia P68«, sie verfügen jeweils über zwei Turbolader-Motoren mit 210 PS. Eine der Maschinen hat die Kennung »D-GOGO« und in diese klettert nun Pilot Vogl hinein. Das Baujahr des Flugzeuges war 1985, der von Vogl geflogene Vogel hat also schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Drinnen ist es enger als man denkt, und es riecht nach Metall, Öl und Leder. Die Instrumententafel der »Partenavia« verfügt natürlich über alle Instrumente, die man braucht um zu fliegen: Höhenmesser, künstlicher Horizont, die Spritanzeige und so fort. Doch es gibt einige ungewöhnliche zusätzliche Bedienungshebel. »Das hier«, sagt Vogl und deutet auf einen weißen Knopf mit der Aufschrift »Ignition«, »dient zur Zündung der Rauchentwickler unter den Tragflügeln«.

Diese Geräte, die extra für den Hageleinsatz entworfen und gebaut wurden, sind praktisch der technische Kern der ganzen Aktion und sie sehen aus wie Raketen: Ein länglicher metallener runder Körper, vorne mit einer Spitze versehen und hinten mit einer Art Auspuff. Das Ganze funktioniert wie ein Triebwerk: Die vorne angesaugte Luft wird in der Brennkammer durch das Beifügen eines Lösungsmittels aus Silberjodid-Aceton zu einem Gasgemisch, das über einen elektronischen Funken entzündet wird. Hinten tritt das Gemisch mit einer grüngelben Rauchfahne aus, und so gelangen durch das Silberjodid Billionen kleinster Partikel, sogenannte Aerosole, in die Luft. An diesen Kondensationskeimen fängt sich in den Wolken der Wasserdampf und das Wasser setzt sich an ihnen fest. Dadurch bilden sich statt einiger großer Hagelkörner viele kleine, die aber auf dem Weg nach unten schmelzen und so zu Regen werden. Auf diese Weise wird die Hagelbildung bekämpft, und die Flugzeuge können so beeinflussen, wann und wo die Wolken abregnen. Sinn ergibt das aber nur, wenn sich noch keine Hagelkörner gebildet haben. Früher geschah die Abwehr mit sogenannten Hagelraketen, mit denen das Silberjodid vom Boden aus in die Wolken geschossen wurden.

Beflogen wird von den Hageljägern ein Gebiet von rund 4800 Quadratkilometern, das sich etwa 40 Kilometer des nördlichen Alpenrandes hinzieht, auch 18 Gemeinden der österreichischen Bezirke Kufstein und Kitzbühel werden so geschützt. Angepeilt werden von den Piloten, die meist alleine im Einsatz sind, in der Gewitterfront die Zone der Aufwinde, die eine Geschwindigkeit von einhundert Stundenkilometern erreichen können. Genau hier ist der richtige Ort, um die Silberjodidteilchen in die Wolke einzubringen, sie werden mit dem Wind in bis zu 15 Kilometer Höhe getragen. Die Hagelpiloten tun also genau das, was sonst von Fliegern vermieden wird: Sie steuern direkt in die Gewitterzone. Notwendig für derartige Einsätze sind neben einer Blindflugerlaubnis - man orientiert sich nur an den Instrumenten - und einer Lizenz für mehrmotorige Flugzeuge auch eine Ausbildung in der Hagelbekämpfung. Chefpilot Vogl ist übrigens quasi ein alter Hase, er ist seit 1980 dabei.

Dass es die Truppe der Gewitterjäger am südbayerischen Himmel gibt, ist eine politische Entscheidung, denn der Kampf gegen den Hagel ist nicht unumstritten. Oder andersherum: Es gibt keine Beweise für die Wirksamkeit, aber auch keine dagegen. So konnten in einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt keine Auswirkungen der Hagelbekämpfung auf das Hagelgeschehen nachgewiesen werden. Gleichwohl hält der Landkreis an seinen Hagelfliegern fest. Neue Erkenntnisse soll jetzt das Forschungsprojekt »Roberta« bringen, das die Hagelflieger gemeinsam mit der Hochschule Rosenheim durchführen, dabei werden über mehrere Jahre hinweg Daten gesammelt und ausgewertet. Die beiden Flugzeuge der Gewitterjäger sind übrigens nach den damaligen Ehefrauen der Landräte von Rosenheim (Hannelore Gimple) und Miesbach (Käthi Kerkel) benannt.

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