Wo Luther erbärmlich fror

Sachsen-Anhalt: An der »Kalten Stelle« bei Eisleben erinnert eine Tafel auf besondere Art an den Reformator

  • Harald Lachmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist der 23. Januar im Jahr des Herrn 1546, als Martin Luther zu seiner letzten Reise aufbricht. Für den kränkelnden Mann kommt diese Unternehmung zur Unzeit. Der Wind pfeift kalt an diesem Wintertag, die Flüsse sind teils gefroren. Und Luther fühlt sich nicht wohl. Tags zuvor schloss er seine Vorlesung mit den Worten: »Ich bin schwach, ich kann nicht mehr.« Seit Jahren kämpfte er gegen Herzdruck, Übergewicht, Blasensteine, Koliken. Und doch mag er sich nun des Rufs der Grafen aus seiner Kindheitsstadt Mansfeld nicht erwehren: Sie bitten ihn wieder einmal, einen Bruderstreit zu schlichten.

Begleitet von seinen drei Söhnen, führt ihn der Weg über Bitterfeld und Halle am 28. Januar 1546 dann kurz vor Eisleben entlang eines Korridors, den man im Mansfelder Land heute die »Kalte Stelle« nennt. Das mag an schönen Herbsttagen erstaunen. Denn beschaulich ziehen sich hier, am Brachbornsberg zwischen Wormsleben und Unterrißdorf, hinter einer Trockenmauer Weinreben den sonnigen Hang hinauf. Und an der kleinen Sitzgruppe davor rasten gerade fünf Damen, alle sommerlich-sportlich gekleidet, ihre Räder locker angelehnt. Ja, sie seien die Frauensportgruppe 1 der Ball-und Spielgemeinschaft »Aufbau Eisleben«, berichtet Heike Philipp, eine der Frauen. Wie jeden Mittwoch radelten sie gerade zum Süßen See, um vielleicht ein Gläschen zu trinken - und dann halt zurück.

Ein halbes Jahrtausend zuvor wäre ihnen auf diesem holprigen Weg, der sich seither kaum verändert haben dürfte, womöglich Luthers kleine Gesellschaft begegnet. Der Reformator leidet an diesem Januartag erbärmlich, als er diese »kalte Stelle« passiert. Bläst ihn doch in dem offenen Karren, der ihm als Gefährt dient, der Ostwind »hart an«, wie er Tage später an die geliebte Gattin Katharina schreibt. Denn eben hier schlug sich der Wind mit der Zeit eine Schneise in das milde karstige Weingebiet und kann einem je nach Wetterlage ganz schön Frösteln bereiten.

Für den kränkelnden Luther bedeutet dieses Wetter offenbar fast der Tod. »Und wahr ist's, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein solch kalter Wind hinten in den Wagen ein auf meinen Kopf durchs Baret, als wollt mir‘s das Hirn zu Eis machen«, notiert er anschließend. Er bekommt Herzbeklemmungen, Atemnot, Schmerzen im linken Arm, wird gar kurz ohnmächtig.

»Vermutlich ein Herzinfarkt«, werden Mediziner Jahrhunderte später diagnostizieren. Und tatsächlich stirbt der gerade 62-jährige dann wenige Tage später, am 18. Februar 1546, in Eisleben. Seine Geburtsstadt ist ihm somit auch zur Sterbestadt geworden. Über die Rolle, die dabei jene Stelle im Weinberg bei Unterrißdorf spielte, lässt sich sicher streiten. Entdeckt hat die Episode der langjährige Pfarrer von Unterrißdorf, Frithjof Grohmann, als er in alten Chroniken schmökerte. Und so ließ er hier 1996 eine erste Erinnerungstafel an diese Vorgänge aufstellen. Im 500. Jubiläumsjahr der Reformation gehört diese ganzjährig zugängliche Stelle nun sogar zu den markanten Punkten des Lutherweges in Sachsen-Anhalt.

Doch auch jenseits all jener Gedenkfeien treffen sich hartgesottene Luther-Fans alljährlich am 28. Januar an der »Kalten Stelle«, um ein wenig mit dem Kirchenerneuerer zu leiden. Gegen zu beißende Kälte helfen dabei freilich Glühwein, heißer Tee und ein prasselndes Feuerchen …

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