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Ein genialer Kaufmann und Organisator

Sonderausstellung im Hamburger Genossenschaftsmuseum würdigt Zeitschrift und linken Gründer

  • Hermannus Pfeiffer, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

»Albert Ballin kennt jeder, aber Kaufmann kennt niemand«, beklagt Museumsgründer Burchard Bösche. Dabei war nicht allein der Ahnherr der weltberühmten Reederei Hapag-Lloyd, sondern auch der Genosse Heinrich Kaufmann »ein genialer Kaufmann, genialer Organisator«.

Eine der vielen unternehmerischen Leistungen des studierten Lehrers ist aus dem Stadtbild der Hansestadt verschwunden. Dort, wo heute ein riesiger Supermarkt am Berliner Tor steht, stand einst ein imposantes Fabrikgebäude mit der wohl größten Druckerei in der Druckerhochburg Hamburg. Und diese »Verlagsgesellschaft deutscher Konsumvereine« war zugleich der Thinktank, die Denkfabrik, der starken Genossenschaftsbewegung im Kaiserreich. Diese bestand aus weit über 1000 Unternehmen: Bäckereien und Waschmittelproduzenten, Fahrradfabriken, Lebensversicherer und Lebensmittelläden. Oft waren die Betriebe der Genossen die stärksten ihrer Branchen.

Konsumgenossenschaften sahen und sehen sich als »Vertreter der Verbraucher«, die sie mit hochwertigen und preiswerten Produkten vor den Unbilden des Kapitalismus schützen wollten. Mit Erfolg. Sie hatten - wie in der Weimarer Republik, später der jungen BRD und der DDR - Millionen Mitglieder. Im Kaiserreich boomten sie: So explodierte der Umsatz der Verlagsgesellschaft in fünf Jahren von rund einer halben auf vier Millionen Reichsmark bis zum Kriegsbeginn.

All dies aus Ost und West zeigt Bösches wunderbares Genossenschaftsmuseum. Ein weiteres Kleinod ist die aktuelle Sonderausstellung, die bis Ende des Jahres den Verlag würdigt, wie auch das durch alliierte Bombenangriffe 1943 zerstörte architektonische Meisterstück und den linken Gründer Kaufmann. »In dem Haus der Verlagsgesellschaft wurde Geschichte geschrieben«, sagt Museumsleiter Bösche dem »nd«.

Geschichte geschrieben wurden besonders durch die Herausgabe des »Internationalen Genossenschafts-Bulletins« - mitten im großen Krieg über alle Fronten hinweg. Mit Kriegsbeginn 1914 wird das Zentralorgan erst einmal eingestellt. Doch Kaufmann und seine Freunde besinnen sich auf ihren Internationalismus. Man wollte sich »nicht auseinander bringen lassen«.

Die Texte für das »Bulletin« kamen während des Weltkrieges aus dem verfeindeten London. Dort saß die Hauptredaktion des Internationalen Genossenschaftsbundes (IGB). Auch beim »Erzfeind« Frankreich erschien das »Bulletin« weiterhin. Im Hamburger Verlagshaus wurden die Texte übersetzt, von Kaufmann mit ergänzenden Fußnoten versehen, anschließend gedruckt und an 1500 deutschsprachige Abonnenten bis nach Österreich-Ungarn versandt.

Diesem »Bulletin« ist es zu verdanken, so Bösche, dass die internationalen Beziehungen der Genossenschaften - anders als bei allen übrigen internationalen Organisationen - nicht gänzlich abrissen. »Und nach Kriegsende unverzüglich in vollem Umfang wieder aufgenommen werden konnten.« Reprints der Bulletin-Jahrgänge 1915 bis 1917 hat das Genossenschaftsmuseum jetzt veröffentlicht. (Zeitschrift über den Fronten: Das Internationale Genossenschafts-Bulletin im Ersten Weltkrieg, Band 1 bis 3, Herausgegeben von Adolph von Elm, Hamburg 2017, Paperback, jeweils über 300 Seiten, Preis pro Band 29 Euro) Eine erstklassige Quelle, um sich über die wirtschaftliche und soziale Lage Europas während des Krieges zu informieren.

Der Sozialdemokrat Kaufmann hatte in seiner Freizeit in einem Kellerlokal des Fortbildungsvereins Barmbek-Uhlenhorst wissensdurstige Arbeiter unterrichtet. Die SPD heute, so Bösche, sollte endlich ihre »sozialdemokratischen Kaufleute« würdigen und ihre panische Angst vor wirtschaftlicher Verantwortung ablegen. Gleiches ließe sich von der Linkspartei sagen. Vor einem Jahrhundert war das anders: 1903 gründeten 600 Delegierte in Dresden den Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften. Kaufmann wurde Generalsekretär und Vordenker der Bewegung.

Hamburger Genossenschaftsmuseum.

Gewerkschaftshaus, Besenbinderhof 60, 20097 Hamburg. Geöffnet Dienstag bis Donnerstag 14-17 Uhr.

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