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Mensch, Messias oder Prophet?

Michael Baade hat sich auf die Spuren von Jesus begeben

Jesus, dieser Wieder- und Wiederaufersteher, erweckt immer wieder aufs Neue Erstaunen. Dafür liefert die aktuelle Jesus-Spurensuche des Rostocker Autors Michael Baade ein beredtes Zeugnis. Er sieht Jesus nicht nur durch die christliche Brille, sondern gleichsam multispektral und dreidimensional aus jüdischer, christlicher und muslimischer Sicht. Dadurch gewinnt diese einzigartige Gestalt der Menschheitsgeschichte neue Züge.

• Michael Baade (Hg.): JESUS. Eine Spurensuche. JESUS in der Literatur.
Ingo Koch Verlag, 105 S., br., 18 €.

Für die meisten Juden war und ist Jesus nicht der erhoffte Messias, aber für einige bleibt er ein Hoffnungsträger. Die Christen erhöhten den Menschensohn zum Gottessohn, und für die Muslime ist er ein Prophet, der dem Propheten des Islam, Mohammed, am nächsten steht. Baade stellt in seiner klugen und sorgfältigen Textauswahl die drei unterschiedlichen »Jesusse« nicht einander gegenüber. Er macht deutlich, dass es sich um ein und denselben Jesus handelt, gesehen jedoch aus diversen Perspektiven.

Mit Bedacht beginnt der Autor mit dem schwierigsten Kapitel seiner Spurensuche, dem jüdischen Blick auf den Juden Jesus, der zum Stifter einer neuen Religion wurde. Baade zitiert im historischen Teil den Geschichtsschreiber Flavius Josephus und den babylonischen Talmud und beruft sich für die Gegenwart auf so wortmächtige Zeugen wie Martin Buber, Schalom Ben-Chorin und Pinchas Lapide, die Jesus als ihren Bruder im Geiste ehren. Das Christentum ist mit Luther, Bonhoeffer, Ratzinger und Küng prominent vertreten. Für die Jesus-Verehrung im Islam benennt der Spurensucher drei herausragende Zeugnisse: die dritte Sure aus dem Koran, eine Legende aus einem Leben-Jesu-Buch des achten Jahrhunderts und eine theologische Betrachtung des 2013 gestorbenen Reformtheologen Imam Seyed Mehdi Razvi.

Michael Baade erschafft keinen neuen »Jesus-Christus-Superstar«. Er holt den Menschensohn herunter vom erhöhten Kreuz und aus den höheren Sphären der Theologie, mitten hinein in unsere von religiösen Kontroversen und Konflikten heimgesuchte Zeit. Diese Aktualisierung gelingt ihm vor allem im zweiten Teil seines Buches, der wunderbare Zeugnisse aus der internationalen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts versammelt, unter ihnen Heine und Brecht, Stefan Heym und Luise Rinser, Dostojewski und Aitmatow, Norman Mailer, Saramago aus Portugal, Ahmad Schamlu aus Iran und Fadwa Touqan aus Palästina. Sie bringen uns Jesus, den Menschensohn, ganz nah - und doch bleibt er, so der Rostocker Ökumene-Pastor Tilman Jeremias in seinem profunden Geleitwort, »unserer Verfügung entzogen, göttlich, groß, machtvoll, heilig. Aber in dieser Größe immer noch der, als der er sich auf Erden zeigte, Mensch unter Menschen, gütig, gerecht, geduldig.«

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