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Der Groll des Achilleus

Kurt Steinmanns glänzende Neuübersetzung der »Ilias«

Dieses Buch haben sich viele gewünscht, ohne zu wissen, ob sie es jemals in die Hand nehmen können. Vor zehn Jahren hat sich der Schweizer Kurt Steinmann, der zuvor schon ein paar lateinische und griechische Klassiker der Antike übersetzt hatte, an Homers »Odyssee« bewiesen, der wohl größten Herausforderung, der sich ein Altphilologe stellen kann. Der Band, nobel gedruckt und gestaltet, hat damals entzückte Leser gefunden, begeistert von der modernen und dabei unglaublich präzisen und poetischen Darbietung des Epos. Die Überraschung war groß: Da hatte jemand so viel Selbstvertrauen, Sprachvermögen und Sprachgefühl, dass er, das Original fest im Blick, auch vor dem größten Hindernis nicht zurückschreckte und dem Werk die Hexameter ließ.

• Homer: Ilias. A. d. Griech. v. Kurt Steinmann. 16 Ill. v. Anton Christian.
Manesse, 576 S., geb. im Schmuckschuber, 99 €.

Und jetzt ist Steinmann, der inzwischen auch die »Apokalypse« aus dem Altgriechischen übersetzt und kommentiert hat (im Herbst 2016 bei Manesse), tatsächlich zu Homer zurückgekehrt und hat uns auch noch die »Ilias« in seiner eleganten Version geschenkt, dieses Riesengedicht, das eine Episode aus dem Krieg der Griechen gegen Troja behandelt, der, ausgelöst von Paris und seinem Raub der Helena, bereits ins zehnte Jahr geht. Erzählt wird von Achilleus und seinem Groll, weil ihm der Heerführer Agamemnon das Mädchen nimmt, das ihm als Beute zugesagt war. Er weigert sich daraufhin, weiter am Kampf teilzunehmen, versagt seinen Landsleuten sogar die Hilfe in allergrößter Not und gibt diese Haltung erst auf, als sein Gefährte und Vertrauter von Hektor, dem Sohn des trojanischen Königs Priamos, erschlagen wird. Das alles, begleitet von der Einmischung und den Auseinandersetzungen der Götter, durchsetzt mit Heldenliedern und Mythen aus der Zeit vor Homer, hat zwar nicht die Geschlossenheit der »Odyssee«, gehört aber in seiner Ausdruckskraft und Wucht zu den epochalen Leistungen am Beginn der abendländischen Literatur.

Steinmann bleibt in jedem Augenblick dem Original verpflichtet. Er erlaubt sich keine Freiheiten, mogelt nicht, rettet sich auch nicht lax über Schwierigkeiten hinweg. Er hat neun Jahre an dieser Arbeit gesessen. Erst die Rohübersetzung und dann die Versfassung; und das Erstaunliche ist, dass er auch diesmal nicht den bequemeren Weg gewählt hat und eine Prosaübersetzung favorisierte oder sich wie Wolfgang Schadewaldt 1974 für freie Rhythmen entschied. Er ist beim Hexameter geblieben. Der Aufgabe sprachlich in jeder Hinsicht gewachsen, trotzt er den Tücken, die das Versmaß mit sich bringt, mit verblüffender Souveränität und liefert eine »Ilias«, die modern ist, weil sie sich auf den heutigen Reichtum unserer Sprache stützt, ohne Verkrampfungen auskommt und sich auch wunderbar liest.

Diese »Ilias« ist ein Geschenk. Anteil daran haben auch Anton Christian, der nach Steinmanns »Odyssee« den Prachtband mit sechzehn großflächigen Illustrationen schmückte, der Nachwortautor Jan Philipp Reemtsma und der Verlag, der dafür sorgte, dass die Leistung seines Übersetzers angemessen, das heißt: auf hohem buchkünstlerischen Niveau, präsentiert wird.

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