Mit unabsehbaren Folgen

Regina Stötzel über einen liberalen Computerspieler, der sich am Ende verzockt haben könnte

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 3 Min.

Christian, 38, ist auf den ersten Blick ein gewöhnlicher Mann. Doch wenn andere zur Arbeit gehen, befindet er sich schon in der sogenannten Parteizentrale. Nicht Tage, Wochen oder Monate - seit 20 Jahren befindet sich Christian in der virtuellen Realität (VR) namens Parteipolitik. Er chattet in Meetings, klickt sich durch »Parteiprogramme«. Die Welt der Wahlkämpfe, Fraktionssitzungen und Parteitage sorgt für die Unterhaltung, die er in seiner realen, reizarmen Welt nicht hat.

Zwar ist die Zahl der parteipolitiksüchtigen jungen Männer und Frauen nicht gerade gestiegen in den letzten Jahren. Doch wer einmal richtig drin ist, kommt selten wieder heraus. Mit verheerenden Folgen: So glaubt Christian nach all den Jahren, die er die Welt durch die VR-Parteipolitik-Brille betrachtet hat, alle in diesem Land könnten ein gutes Auskommen haben, wenn sie sich nur genug anstrengten, und das größte Problem der Menschen sei es, schon mit 67 in Rente gehen zu müssen. Einer »technologieoffenen steuerlichen Forschungsförderung« anzuhängen, wirkt da noch vergleichsweise lebensnah - zumindest für Christians Spielpartei, die sogenannte FDP.

In dem Multiplayer-Game hat Christian eine besonders ausgefallene Rolle gewählt: die desjenigen, der die FDP aus der Bedeutungslosigkeit zu großem Erfolg führen will. Seit nunmehr beinahe vier Jahren, 24 Stunden täglich, suggeriert die moderne Wirklichkeitssimulationsindustrie dem armen Christian daher, er allein verkörpere diese Partei, die in einer früheren Spielphase noch als Partei der Anwälte und Hoteliers galt. Als Ego-Shooter an der Spitze eines unsichtbaren Teams zog er in die bislang vorletzte Spielrunde, den »Wahlkampf«. Überlebensgroße Plakate mit seinem Konterfei an jeder Straßenecke ließen Christian vergessen, dass es echte Menschen mit echten Realitäten und sogar Problemen gibt.

Auf seinem Holo-Deck spielte Christian beachtlich; bei der großen Zwischenwertung im September 2017 stimmte gut jeder Zehnte für die Christian-Partei und ließ sie Teil einer virtuell-potenziellen Koalition werden, die viele Wochen lang die nächste Spielphase »sondierte«. Nachdem es beinahe so aussah, als hätte man sich auf grundlegende Modi geeinigt, was künftig für die »Wirtschaft« getan und für Arme und unnütze Auswärtige nicht getan werden soll, scherte Christian in einem letzten Spielzug überraschend aus.

Nach diesem Coup meint nicht nur Ego-Shooter Christian nun, einen Sieg davongetragen zu haben. Sondern auch das gesamte reale Land spricht von ihm, als habe er dessen Geschicke allein in der Hand. Zwar warnten Ärzte seit langem davor und Soziologen hielten es nach ersten Studien für möglich, doch sogar Experten sind überrascht über die so weitreichenden Verstrickungen zwischen virtueller Parteipolitikindustrie und Realität. Die Folgen sind unabsehbar.

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