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Das Geheimnis der Geheimnisse

Unser Leben profitiert sehr davon, dass vieles im Verborgenen bleibt - auch zu Weihnachten

  • Eckart Roloff
  • Lesedauer: 6 Min.
Sie haben denkbar unterschiedliche Aufgaben und Ziele, die Pfarrer, Journalisten und Anwälte, die Ärzte, Notare, Steuerberater, Apotheker und Rettungssanitäter. Aber eines ist ihnen gemeinsam: das Geheimnis, das Berufsgeheimnis. Sie dürfen nicht gezwungen werden, etwas preiszugeben, was sie durch ihre Arbeit erfahren haben. Und dann wäre da noch, freilich nur saisonal, diese Art Geheimnisträger: der Weihnachtsmann. Nur steht in keinem Strafgesetzbuch, in keiner Berufsordnung etwas über ihn. Das gilt ebenso für das Christkind.

Ein schillernder Begriff - das Geheimnis - den erstmals Martin Luther, der den Deutschen so viele Worte schenkte, statt des lateinischen »Mysterium« einsetzte. Zudem knüpft so vieles an das Wort »geheim« an. Man denke an Geheimagent, Geheimdienst, Geheimsprache, Geheimhaltung. Auf Geheimtipps trifft das nicht zu. Die leben davon, anderen anvertraut zu werden. Mit einem leisen Pssst! und dem Zeigefinger vor dem Mund, der dann bald etwas preisgibt.

Stets dreht es sich um Kryptisches, Verborgenes, vielleicht Verbotenes. Das ist dann geheimnisumwittert. Nichts sonst, abgesehen von der Verbindung mit Skandal, ist im Deutschen umwittert - das Geheimnis schon. Alles, was damit zu tun hat, erscheint nicht nur für die Medien, sondern für alle, die mehr wissen wollen, als eine spannende Sache, als verlockend und abgründig.

Und das auch zur Weihnachtszeit. Darauf setzt zum Beispiel Wolfram Hänel, Schöpfer von über 100 Kinder- und Jugendbüchern, von Romanen und Theaterstücken, übersetzt in viele Sprachen. Vergangenes Jahr erschien sein Weihnachtskrimi in 24 Kapiteln: »Die geheimnisvollen Weihnachtspäckchen«. Damit kein Geheimnis zu früh ans Licht kommt, muss man die einzelnen Seiten vor dem Lesen auftrennen. Schon 2013 hatte Hänel den Vier- bis Sechsjährigen sein Buch »Das Geheimnis des Weihnachtsmannes« beschert, mit beigelegten Stickern als Extrageschenk.

Woher kommt das Wort Geheimnis, was liegt darin verborgen? Es hat sich aus dem mittelhochdeutschen »heim« entwickelt, also aus dem Nahen, Familiären und Verwandten, dem Vertrauten, von dem nicht alle wissen können und sollen. Deshalb spricht man ja auch von einem Familiengeheimnis. Worte wie heimlich und Heimlichkeit zeigen, wohin das mit dem »heim« geführt hat. Die eher negative Bedeutung kam erst im 18. Jahrhundert.

Man kann ein Geheimnis lüften, einem anderen anvertrauen, ihn einweihen, es für sich behalten und, sehr anschaulich, mit ins Grab nehmen. Damit etwas - wenigstens auf Zeit, bis zum Heiligen Abend - geheim bleibt, wird zum Einpacken geraten; dafür gibt es dekoratives Geschenkpapier in tausend Variationen. Man kann aber auch kein Geheimnis aus etwas machen. So gibt es das offene Geheimnis, das nur amtlich noch verborgen bleiben soll. Und das süße Geheimnis berührt das, was der Storch demnächst bringen wird. Nicht so Bekanntes auszuplaudern, kann sich ganz gut machen. So verriet Angela Merkel einer Zeitschrift einmal das Geheimnis ihrer hochgelobten Kartoffelsuppe. »Ich zerstampfe die Kartoffeln immer selbst mit einem Kartoffelstampfer und nicht mit der Püriermaschine.« Dadurch blieben immer noch kleine Stückchen übrig.

Von etwas anderer Art sind Geheimbünde. Sie haben eine lange Geschichte. Das »Wörterbuch für Soziologie« von 1968 definierte sie als »relativ geschlossene, exklusive, klubartige Verbände innerhalb einer größeren Gesellschaft mit begrenzter und gesteuerter Zulassung neuer Mitglieder«. Verwiesen wird darauf, wo es sie bei ganz unterschiedlichen Mustern überall gab: in der klassischen Antike, in Polynesien, in Ost- und Westafrika, auf den Neuen He᠆briden, bei den Indigenen in Amerika, in China und anderswo. Zudem gab und gibt es solche Bünde unter Namen wie Mau-Mau, Ku-Klux-Klan, Illuminaten, Rosenkreuzer, Camorra und Mafia. Man merkt: Geheimbünde als Idee verbinden, auch wenn sie ausschließen.

Genau 30 Jahre sind vergangen, seit der Münsteraner Medienforscher Joachim Westerbarkey in der Fachzeitschrift »Publizistik« (Heft 4/1987) einen gehaltvollen Aufsatz zum Thema »Das Geheimnis als Forschungsgegenstand. Hinweise auf ein vernachlässigtes publizistisches Phänomen« veröffentlichte. Er schreibt über die Defizite, die das Thema vor allem für Sozialwissenschaftler gleichsam zu einer Geheimsache machten. Dabei steckt darin so viel Stoff - und so viel Widerspruch.

Einerseits, so Westerbarkey, waren Geheimbünde »Keimzellen der Aufklärung«, aber ebenso »Brutstätten der Konspiration«. Schon immer sei das Geheimhalten ein probates Mittel politischer Raffinesse und mancher Intrige gewesen, nicht nur unter dem weltberühmten und doch Geheimen Rat in Weimar. Bereits aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. sind Zeugnisse absichtsvoller Diskretion bekannt, etwa die Kryptogramme aus dem griechischen Sparta als chiffrierter Nachrichtenverkehr. Schon die Phönizier, Karthager und Inder erfanden Zeichen, die abseits der normalen Buchstaben und Ziffern nicht alle verstehen sollten. Um 1200 n. Chr. kam dergleichen bei Staat und Kirche groß in Mode. Auch enthält ein Buch des Persers Abu al-Qalqaschandi (1355 - 1418) ein Kapitel über Geheimschriften.

Heute sieht es mit dem Thema anders aus, aber nur etwas. In der Politik, auch in der Demokratie, spielt die Geheimniskrämerei immer noch eine Rolle. Doch es gibt Grenzen. Damit nicht allzu vieles geheim bleibt, gelten etwa in Deutschland Informationsfreiheitsgesetze. Sie sollen helfen, Geheimes zu lüften. Selbst das Bundeskanzleramt und Bundesministerien haben durch verlorene Prozesse bereits erlebt, dass sie Journalisten etwas offenbaren mussten, das geheim bleiben sollte. Auch Whistleblower, oft gefürchtet, mal bewundert, sorgen dafür, dass Verdecktes enthüllt wird.

Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat schon vor 100 Jahren über das Geheimnis nachgedacht. In seinem grundlegenden Werk »Soziologie« von 1908 hält er zu dessen positiven Werten fest, dass das Verbergen bestimmter Aspekte der eigenen Persönlichkeit für das Erhalten sozialer Beziehungen von größter Wichtigkeit sei. Simmel sagt es ganz deutlich: Das Geheimnis ist »eine der größten Errungenschaften der Menschheit«, »durch das Geheimnis wird eine ungeheure Erweiterung des Lebens erreicht«. Es biete die Möglichkeit einer zweiten Welt neben der offenbaren. Und wie großartig kann es wirken, andere wissen zu lassen, dass man Geheimes kennt, aber leider, leider nicht darüber sprechen darf?

Was wäre im Übrigen, wenn auch nur die nächsten Verwandten und Freunde nur insgeheim wüssten, wie es mit anderen Beziehungen ausschaut, mit abweichendem Verhalten, mit lässlichen oder auch anderen Sünden, mit Wahlpräferenzen, Versagen, Mauscheleien, schlechten Leistungen, Ablehnung? »Völlige Kenntnis voneinander ist der Tod jeder sozialen Beziehung«, wusste Simmel.

Das Geheime hat etwas Attraktives; auch kann es die Kassen klingeln lassen. Nicht allein in der Weihnachtszeit. Unzählige Buch- und Filmtitel setzen darauf: »Geheimakte Odessa«, »Das geheime Spiel«, »Ellas Geheimnis«, »Das Geheimnis eines Sommers«. Mark Twain hatte verfügt, dass seine Lebenserinnerungen erst 100 Jahre nach seinem Tod öffentlich werden dürfen. 2012 erschienen sie unter anderem im Aufbau-Verlag und wurden vielleicht auch dank des Titels »Meine geheime Autobiographie« sehr beachtet. Nachdem die Schriften des Försters Peter Wohlleben über die Welt des Waldes kaum beachtet worden waren, half dieser Dreh: Er nannte ein Buch »Das geheime Leben der Bäume« - und schon wurde daraus ein Bestseller. Sein Band »Das geheime Netzwerk der Natur« verkauft sich ebenso gut.

Auch wenn Wissenschaft im Prinzip dafür da ist, öffentlich zu wirken und andere daran teilhaben zu lassen, kennt man Heimlichkeiten über die Militärforschung hinaus. Dazu dieses Beispiel: Es gibt Doktorarbeiten, die Industrieunternehmen gegen großzügige Summen in Absprache mit Professoren in Auftrag geben. Doch daraus darf später nicht zitiert und veröffentlicht werden. Ein klarer Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit, wie der Münchner TU-Professor Markus Lienkamp in einer Schrift für den Deutschen Hochschulverband festgestellt hat. Er wendet sich gegen solche Geheimhaltungsklauseln.

Ganz öffentlich ist, wenn ältere Jubilare gefragt werden, warum sie 90 oder 100 Jahre oder noch älter geworden sind. »Was ist das Geheimnis Ihres langen Lebens«, wurde der Japaner Jiromeon Kimura (1897 - 2013) gefragt. Kimura war sich sicher: »Früh aufstehen und Zeitung lesen!« Das gilt sicher stets, nicht nur an Weihnachtstagen.

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