Eine Dramatik

Bald beginnt die Berlinale

Das Gefühl, wertvolle Lebenszeit zu verschwenden, konnte man selten so intensiv erleben wie auf der gestrigen Pressekonferenz zum Programm der diesjährigen Berlinale: Festivaldirektor Dieter Kosslick und der Berlinale-Kurator Thomas Hailer standen an einem transparenten Kunststoffpult und machten im Grunde nichts anderes als Reklame für die bevorstehenden Filmfestspiele. Doch noch nicht einmal das taten sie sonderlich eloquent. 385 Filme sollen ab 15. Februar gezeigt werden, auf elf Tage verteilt. Substanzielles über das Programm erfuhr man gestern Vormittag nicht. Lediglich, dass es einen Film im diesjährigen Wettbewerb geben wird, der den Amoklauf eines rechtsextremen Terroristen auf der norwegischen Insel Utøya zum Inhalt hat (»Utøya 22. Juli«). Dass es pünktlich zum 80. Geburtstag des tschechischen Regisseurs Jiří Menzel einen Film mit ihm in der Hauptrolle geben wird (»Der Dolmetscher«). Dass die diesjährige Hommage sich den Filmen des eigenwilligen US-amerikanischen Schauspielers Willem Dafoe widmet und auch die neueste Produktion mit ihm in der Hauptrolle gezeigt wird (»The Hunter«), »ein Einpersonenstück über eine Tigerjagd in Tasmanien« (Kosslick). So viel zum Programm.

Dann folgte der wohl wichtigste Teil dieser »Pressekonferenz«, das »große Dankeschön an unsere Partner« (Kosslick), soll heißen: an die Sponsoren, für deren »finanzielle Zuwendungen« man dankbar sei und die Kosslick in der Folge brav aufzählte wie ein Streber: ein Automobilkonzern, ein Kosmetikkonzern, ein Uhrenhersteller und zahlreiche andere Unternehmen. Großes Dankeschön.

Danach wurden pflichtschuldig auswendig gelernte Phrasen zum derzeit virulenten Thema MeToo heruntergeleiert: »Vielfalt und Unabhängigkeit«, »gegen jeden Missbrauch«, »Diversität und Toleranz«. Auch eine »Gesprächsrunde zu sexueller Belästigung« werde es geben. Aha. Nein, eine gemeinsame Resolution der Festivalleitung zu dem Thema sei nicht vorgesehen, von derlei halte man nichts.

Dann wieder Kosslick, der einigermaßen blasiert und herablassend wirkte: »Wer kommt?« Denn das, sagte er, interessiere ja schließlich die meisten, woraufhin er eine Reihe international bekannter Filmschauspieler aufzählte, darunter Bill Murray, Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Joaquin Phoenix und Isabelle Huppert. Auch dieser Ed Sheeran werde kommen, dieser eine Sänger da, der den jungen Leuten so gut gefalle. Über den und seinen künstlerischen Schaffensprozess gebe es auch eine Dokumentation zu sehen (»Songwriter«). Und auch »deutsche Stars« seien anwesend: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Franz Rogowski und Udo Kier.

Auch total wichtig: Zur Reihe »Kulinarisches Kino«, so erfuhr man, komme der derzeit »größte französische Koch« und koche für Berlinale-Gäste. Gewiss tut er das nicht für alle. Aber egal.

Ob es ein sich durch das Festival ziehendes Thema gebe? »Nicht so sehr einen roten Faden als einen Schwerpunkt«, nämlich »Zivilcourage« bzw. »Filme über Geflüchtete« (Kosslick). Auch im Weiteren sprach Kosslick nicht unfallfrei. Über Filme, die das Schicksal von Flüchtlingen zum Thema haben, sagte er etwa: »Wir wissen ja, warum die hierherkommen, aber das noch mal zu sehen, ist ja auch eine Dramatik wert.« Frage eines Journalisten: »Wird die Berlinale politisch sein?« Antwort Kosslick: »Nein.«

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