»Oh sink hernieder, Nacht der Liebe«

Premiere: Richard Wagners »Tristan und Isolde« in der Staatsoper aufgeführt

  • Stefan Amzoll
  • Lesedauer: 5 Min.

»Tristan« ist eine Oper der Qualen. Das Paar erleidet sie aufs Heftigste, denn seine Liebe ist auf Gewalt gebaut. Die Musik ist am geeignetsten, derlei Gemütszustände auszudrücken. Im »Tristan« zeichnet sie große dramatische Bögen, baut Risse ein und strukturiert Abgründe. Ihr Geist nährt sich an eigens erfundenen Instrumentationskünsten. Wo der Gesang nicht mehr hinkommt, reden die Bassklarinetten, Kontrafagotte und gestopften Blechbläser. Erstaunlich für seine Zeit: Wagner bringt symphonische Konstellationen je nach Situation mühelos auf ein kammermusikalisches Minimum. Bislang nie gehörte Sforzati und Accelerandi fallen jäh in die Vorgänge und erwecken Schauergefühle. »Weniges«, schrieb Theodor W. Adorno, »hat an Wagners Musik so sehr gelockt wie der Genuss der Qual.«

Den vielgerühmten mittelalterlichen Versroman »Tristan« von Gottfried von Straßburg textierte Wagner seinerzeit neu und setzte ihn in Musik. 1860 beendete er die Partitur. 1850, als erste »Tristan«-Ideen aufleuchteten, war er noch vom Revolutionsfieber der Epoche angesteckt. Das änderte sich. »Tristan« steht allem Revolutionspraktischen fern. Aber das Werk revolutionierte die Gattung. Opernentwicklung war fortan ohne diesen Geniestreich nicht mehr zu denken. Dessen Aufführungsgeschichte ist reich und rankt weit in den Entwicklungsgang der Staatsoper hinein.

In guter Erinnerung ist noch die Harry-Kupfer-Inszenierung. Sie entstand während der 1990er Jahre, als alle zehn Wagneropern unter Kupfer und Daniel Barenboim auf die Bühne des Hauses kamen. Nun leitete der Dirigent abermals die Staatskapelle Berlin. Aufführung und Bühnenbild besorgte Dmitri Tcherniakov. Galabesetzt das Paar. Den Tristan singt kein Geringerer als Andreas Schager, österreichischer Heldentenor. Sehr agil vor allem im zweiten Aufzug, als er vermeint, sich mit Isolde der Schwärze aller Schuld entledigt zu haben. Da regt sich der Schalk in ihm. Luftsprünge macht er, will fröhlich sein trotz des Drucks auf Stimme und Körper. Die Isolde wird von der höchst engagierten Anja Kampe, Spezialistin im Wagner-Fach, porträtiert. Mit »Oh sink hernieder, Nacht der Liebe«, eins der eindringlichsten Duette der Oper, will dem Paar noch die letzte Hoffnung entgleiten. Die Nebenrollen, paarig besetzt mit Boaz Daniel als Kurwenal, Tristans Gefährten, und Ekaterina Gubanova als Brangäne, - sie begleitet energisch singend Isolde auf ihrem Irrweg entlang der Abgründe - sind keineswegs bloß Hüter ihrer Herrschaft, sie bringen wie gemeißelt eigenes Gepräge ein. Ebenso unstrittig die sängerischen Künste von Steffen Milling als König Marke und Stephan Rügamer, der den Intrigenschmied Melot gibt. Was will bei all dem der Wagner-Liebhaber Besseres?

Tcherniakov, 48 Jahre alt, gleichfalls Weltreisender, inszeniert vornehmlich russische Operntradition von Glinka über Borodin bis Tschaikowski. Musiktheater-Ergebnisse eines Schönberg, Berg, Henze oder Lachenmann dürften ihn kaum interessieren. Wie der Russe die Bühne ausstattete, blieb unter den Erwartungen. Der erste Aufzug öffnet einen mit Edelholz ausgeschlagenen Raum. Mit dem großen Tisch und den Drehsesseln darum ähnelt er durchaus einer Konzernzentrale. Dort laufen nicht näher bestimmbare Herren konfus durcheinander, am Rand hübsch lächelnde Dämchen. Treff der Herrscher? Zwei mächtige Königshäuser stehen der Erzählung nach immerhin in Fehde. Was die Ansammlung meint, bleibt unklar. In dem Raum zieht die vor Rachsucht glühende Isolde den Degen und will Tristan treffen, was nicht gelingt. Danach Ränkespielchen oder besser Mätzchen um die Flasche mit dem Todestrank. Brangäne vertauscht sie, sodass statt des Gifts jener die ganze Welt umstülpende Liebestrank durch ihre Kehlen geht, mehrmals groß nahegebracht durch Videoeinblendungen. Prost! All das eine Nummer zu klein und nicht wahr genug. Kaum besser der hell leuchtende, noble Raum mit großer Flügeltür im zweiten Aufzug. Auf zwei der vielen Plüschsessel singen sich Tristan und Isolde über eine Stunde an und halten einander die Bosheit ihrer Erinnerungen vor. Beide sind ja der Erzählung nach in Mord und Rachsucht verstrickt.

Die Paarbeziehung ist von vornherein krisenbelastet. Die blutigen Geister kehren unausweichlich wieder, als Schatten des von Tristan erschlagenen irischen Ritters Morold, Isoldes Verlobten, dessen Kopf er ihr auch noch schickt. Sie schwört darauf Rache. Dann der Schatten des alternden Königs Marke. Den mit Tristans Einverständnis heiraten zu müssen, verwindet Isolde niemals. Sie fühlt sich von Tristan verraten. Schlechteste Voraussetzungen, ein Gewebe der Liebe zu knüpfen. All das nagt am Tonfall der Arien, der Duette und befeuert die Konflikte. Kurwenal und Brangäne mühen sich zwar, die Wunden ihrer Herrschaft zu stillen, aber sie nähren auch die schwelende Glut. Alles das, unerhört geschickt gebaut und in Töne gesetzt, macht der musikalische Teil der Inszenierung sehr anschaulich.

Der dritte Aufzug führt in das fahl beleuchtete Zimmer der Burg der Väter Tristans. Uralt scheint der Raum, ausstaffiert mit dickem Sofa, gusseisernem Ofen und sonstigem Inventar. Tristan wird vor Erwartung irre. Isolde soll mit dem Schiff ankommen, nach dem Kurwenal auftragsgemäß Ausschau hält. Versonnen gedenkt Tristan seiner Eltern. Vater und Mutter tauchen dann auch wirklich auf, obwohl sie nur im Text vorkommen, gespielt von Nichtsängern. Da wandeln zwei Unschuldige kopflos durch den Raum, während der English-Horn-Spieler (Florin Hanspach-Torkildsen), im Schlafraum auf dem Bettrand sitzend, abermals seine sentimentale Hirtenmelodie anstimmt. Dergleichen scheint ein wenig einfältig gedacht. Dramatisch ausgestellt - es naht schon sein Ende - der Fluch des verzweifelten, kranken Tristan auf den Liebestrank: »Der furchtbare Trank!/ Wie vom Herzen zum Hirn/ er wütend mir drang!«

Insgesamt gelang eine Aufführung von hoher vokaler und orchestraler Kultur. Das Werk gehört eigentlich auf jeden besseren Spielplan. Wagners Endlosschleifen im durchbrochenen Satz klingen geradezu modern gegen zahlreiche heutige Versuche, der Romantik wieder Pep und Schliff zu geben. Legendär der unregelmäßig wiederkehrende »Tristan-Akkord« aus dem Vorspiel des ersten Aufzug, der viele Nachahmer gefunden hat. Seit die »Tristan«-Musik existiert, hält sie selbst Wagner-Gegner gefangen. Von Hanns Eisler stammt der Satz: »Kein Musiker konnte sich jemals dem Zauber der Tristan-Partitur entziehen, ich auch nicht.«

Im »Tristan« muss jene hochragende, Glück suchende Beziehung niedergehen in den Sand. Denn sie gründet auf dem Schmutz krimineller Energien, auf Täuschung und Selbsttäuschung und blutigen Intrigen, deren Spiegelungen wegzusingen unmöglich ist. Inbegriffe von Ehrlichkeit und Geradheit, Reinheit und Aufrichtigkeit gelten hier nicht. Sie sind Wunschbilder, uneinlösbar unter den gesetzten Umständen.

Staatsoper, Unter den Linden 7, Mitte. Nächste Termine: 15., 18., 25. Februar, jeweils 16 Uhr.

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