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Der eingebildete Doktor

Eine Komödie um einen Gauner und Menschenfreund: »Docteur Knock«

Erzählt wird die Geschichte eines beinah liebenswerten Ganoven, der sich, auf einem Schiff Zuflucht suchend, als Arzt ausgibt. Am Ende der Seereise beschließt er, Medizin zu studieren. Als nunmehr ausgebildeter Mediziner übernimmt er Jahre später die Praxis in einer Kleinstadt, wo er feststellen muss, dass es den Menschen unerfreulich gut geht. Er beginnt, in der Gemeinde ein Bewusstsein für Krankheiten zu etablieren, denn die benötigt er für sein Geschäft.

Scharfsinnig und mit vielen Pointen, visuell aber etwas zu glatt, sodass der Eindruck der behaupteten Historizität sich nicht recht einstellen mag, erzählt Lorraine Lévy diese Geschichte, in der sich aus der einfachen Idee, dass der gesunde Mensch das Unglück des Arztes sei, ein ganzes System der Krankheitsbeschaffung entwickelt. Die Gratisbehandlung wird zur Einstiegsdroge, der örtliche Postbote zum Laufburschen, die Schule zur Aufklärungsanstalt über schreckliche Krankheiten, in der Hypochonder gezüchtet werden. Der Apotheker ist der natürliche Verbündete des Doktors. Ob dieser nicht das Wohl der Patienten dem des Arztes unterordne, fragt jener in einem schwachen Moment. Aber doch auch unter das des Apothekers, entgegnet der Doktor. Was den Apotheker dann wieder überzeugt.

Für Knock sind gesunde Menschen »undefinierte Wesen«. Wer nichts hat, ist nichts. Er sieht sich als »Diener der Medizin« und mit seiner Ankunft das »Zeitalter der Medizin« angebrochen. Nichts geht ohne Ideologie. Der Pfarrer wird dann folgerichtig zum Gegenspieler und die dramaturgische Konstruktion spätestens da sehr schematisch. Seelsorger gegen Körperheiler: Dem Pfarrer bleiben die Kirchenbesucher aus, weil alle neuerdings zum Arzt gehen, und Knocks Heilungen werden im Dorf als Wunder angesehen. »Jedem seine Gemeinde«, pariert Knock die Klagen des Pfarrers. Daran ist gar nichts zwingend, außer dass es die Fabel vorantreibt. Nur bleibt das Gegenspiel des Kirchenmannes dann viel zu schwach. Vom Anfang weg als Antagonist eta᠆bliert, wird die Figur dramaturgisch kaum genutzt. Im Finale erhält der Pfarrer einen müden Auftritt, der, wie zu befürchten steht, als Showdown gemeint ist.

Aller Gestaltungswille scheint in die Hauptfigur geflossen zu sein. Mit ihr aber hat Lévy die Fabel neu erfunden. Jules Romains Komödie »Knock oder Der Triumph der Medizin« (1923) lässt sich als Satire auf den virulent werdenden Faschismus Europas verstehen: auch der eine Medizin gegen Krankheiten, die eigens herbeigeredet werden. Lévy umgeht die eindeutigen Zuweisungen von Gut und Böse, und das gestattet ihrem Helden charakterliche Tiefe.

Knock, der von Beginn an statusbewusst auftritt, ist in mehrfacher Hinsicht Außenseiter. Er ist der einzige Mensch schwarzer Hautfarbe, hat eine kriminelle Vergangenheit, und seine medizinische Laufbahn begann mit Hochstapelei. Die Hautfarbe wird erfreulich dezent behandelt, über ein paar Witze geht das nicht hinaus. Wichtiger ist die Story des Autodidakten, die sensibel arrangiert ist. Alle Autodidakten fühlen sich minderwertig. Sie haben das Gefühl, nicht genug zu sein und nicht dorthin zu gehören, wo sie doch allein vermöge ihrer Leistung stehen. Die Anerkennung kam erst durch die Leistung und wird somit als abhängig erlebt. Folglich hat der Autodidakt immer den Eindruck, seine Wichtigkeit nachweisen zu müssen. Genau das tut Dr. Knock, als er gewahr wird, dass niemand im Dorf so recht krank sein will. Er handelt nicht bloß aus Geschäftssinn wie sein Urbild bei Romain. Indem er seine Nützlichkeit arrangiert, verteidigt er sich selbst, dessen zweite Persönlichkeit nahezu vollständig auf seiner Tätigkeit als Arzt aufgebaut ist. Obgleich er längst die akademische Weihe hat, trägt sein medizinisches Handeln noch die Züge seiner ersten Schritte. Die Knock-Methode bringt, neben gesunden Menschen, zugleich Hypochonder hervor, und der Hypochonder ist einfach das Pendant des Hochstaplers auf der konsumtiven Seite. Der eingebildete Arzt macht den eingebildeten Kranken.

Die große Schwäche des Films liegt darin, dass er all das andeutet, aber nichts davon zum Ende führt. Die Ambivalenz der Hauptfigur, in der Gauner und Menschenfreund zusammenfinden - gut besetzt mit Omar Sy, einem Darsteller, auf den sich alle irgendwie einigen können -, wird kaum je als Kampf gezeigt, und wenn der Held am Ende schließlich siegen muss, scheint nicht nur das Dorf, sondern auch die Erzählung selbst seine Zwielichtigkeit vergessen zu haben.

»Docteur Knock« [»Knock«], Frankreich 2017. Regie, Drehbuch: Lorraine Lévy. Darsteller: Omar Sy, Ana Girardot, Alex Lutz. 113 Min.

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