»Lehrerin, das passt zu mir«

Marie Gross hat vor Kurzem ihr Referendariat abgeschlossen und unterrichtet in Lichtenberg

  • Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

»Vor einer Klasse mit 30 Schülern zu stehen, macht mir gar nichts aus«, sagt Marie Gross mit einem selbstbewussten Lächeln. Die 28-Jährige mit den bunten Haaren und dem Nasenpiercing ist ein extrovertierter Typ Mensch. Das müsse man auch zwingend sein, wenn man sich heutzutage für den Lehrerberuf entscheide, wie sie sagt. »Lehrerin zu sein, passt irgendwie zu mir«, sagt die groß gewachsene junge Frau.

Gross hat an der Universität in Marburg studiert und ist seit Kurzem voll ausgebildete Pädagogin. An einem Gymnasium in Lichtenberg unterrichtet sie die Fächer Deutsch und Philosophie in der Mittelstufe und im Abiturjahrgang. Für ihr Referendariat ist die gebürtige Göttingerin nach Berlin gekommen. Den Praxistest hat sie Anfang des Jahres erfolgreich bestanden.

In Berlin müssen angehende Pädagogen als Teil der Lehrerausbildung 18 Monate lang eine praktische Unterrichtsvorbereitung absolvieren. In dieser Zeit gestalten die Lehramtsanwärter unter den strengen Augen ihrer Fachseminarleiter teilweise selbst den Unterricht, teilweise hospitieren sie bei älteren Kollegen.

Gross ist heilfroh, dass ihr Referendariat vorbei ist. »Das war keine einfache Zeit für mich«, sagt sie. Die ständige Bewertungssituation und der Zwiespalt, einerseits schon selbstständig zu lehren, andererseits von anderen permanent beobachtet und benotet zu werden, schaffe einen gewaltigen Druck. »Als Referendar wirst Du gehörig ins kalte Wasser geschmissen«, erzählt die junge Lehrerin. Als sie im Sommer 2017 mit ihrem Referendariat begonnen hatte, bekam sie einen fertigen Stundenplan in die Hand gedrückt. Zeit zur Vorbereitung? Gab es kaum. Hilfestellung seitens der Schulleitung? Mangelhaft. Kommunikation über den in ihren Klassen und Fächern bereits behandelten Unterrichtsstoff? Fehlanzeige.

»Es ist nicht einfach, sich in die Schul- und Unterrichtsstrukturen einzufinden«, sagt Gross. Zumal Referendare für die Schüler quasi Freiwild seien. »Die Schüler wissen ganz genau, dass man als Referendar beobachtet wird. Das wollen sie natürlich ausnutzen.« Ein dickes Fell und Durchsetzungsvermögen braucht man also allemal.

Das Hauptproblem am Referendariat sei, dass im Lehramtsstudium die praktische pädagogische Ausbildung viel zu kurz komme, kritisiert Gross. Man wisse als Student gar nicht genau, was einen im Schulalltag erwartet. »Von den 22 Leuten, die mit mir ins Referendariat gestartet sind, haben sieben wieder abgebrochen«, erzählt Gross. Der Grund war immer derselbe: Die Kollegen hatten sich den Lehrerberuf anders vorgestellt.

Solche Berichte sollten den Berliner Bildungspolitikern vor dem Hintergrund des in der Hauptstadt herrschenden akuten Lehrermangels zu denken geben. Mit insgesamt 70 Millionen Euro, die in den kommenden fünf Jahren in den Ausbau der Kapazitäten zur Lehrkräftebildung an den Universitäten gesteckt werden sollen, will der Senat der Lage Herr werden. Der Plan sieht vor, dass bis 2022 die Zahl der in der Hauptstadt ausgebildeten Lehrer auf jährlich 2000 verdoppelt wird.

Dieses Vorhaben sei ja schön und gut, findet Junglehrerin Marie Gross. Solange sich aber nichts grundlegend an der Ausbildung in den Lehramtsstudiengängen ändere, werde man den Mangel nicht nachhaltig besiegen können. »Wir müssen grundsätzlicher über die Zukunft des Lehrerberufs nachdenken«, findet Gross.

Ihre Berufswahl bereut die Pädagogin nicht. Trotz des oftmals stressigen Schulalltags unterrichte sie gerne. »Der Kontakt mit den Schülern macht mir großen Spaß«, sagt Gross, die sich als Idealistin bezeichnet. »Ich habe mich für den Lehrerberuf entschieden, um jungen Leuten die Lust am Lernen zu vermitteln.« Von Disziplinarmaßnahmen und autoritärem Frontalunterricht hat sie lange Zeit nicht viel gehalten. Doch das Referendariat habe ihr gezeigt, dass man im Klassenzimmer auch schon mal durchgreifen und Strenge beweisenmüsse. Eine Idealistin ist sie aber dennoch geblieben.

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