In Ghuta geht es ums Überleben

Die Region östlich von Damaskus gilt als Hochburg der Salafisten, die Zivilbevölkerung zahlt den Preis dafür

  • Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 3 Min.

Die östliche Ghuta war einst ein Naherholungsgebiet für die Einwohner von Damaskus. Landflucht und Bevölkerungszuwachs ließen um die kleinen Dörfer neue Satellitenstädte entstehen. Rund drei Millionen Menschen lebten hier vor Beginn des Krieges 2011. Jetzt geht es in dem einstigen Naherholungsgebiet für die etwa 400 000 dort lebenden Menschen ums Überleben.

Duma, etwa zehn Kilometer nordöstlich von Damaskus-Stadt gelegen, zählte damals offiziell rund 120 000 Einwohner. Viele männliche Einwohner verdienten ihr Geld in den Golfstaaten, waren Vermittler oder Subunternehmer für Firmen aus dem Golf. Neben dem Geld brachten sie auch ultrakonservatives Gedankengut mit nach Syrien, das in Moscheen und Koranschulen vermittelt wurde.

2011 wurde in Duma die »Armee des Islam« von Zahran Allousch gegründet. Allousch war 2011 im Rahmen einer Generalamnestie aus dem Gefängnis freigelassen worden, wo er (seit 2009) wegen salafistischer Propaganda und illegalem Waffenbesitz inhaftiert war. Ziel der Gruppierung ist es, die säkulare syrische Regierung zu stürzen und durch eine ultrakonservative Regierung zu ersetzen, die der Scharia nach salafistischer Auslegung folgen soll.

Eine weitere 2011 entstandene Gruppe nennt sich »Die Rahman-Legion« (Faylaq al-Rahman). Zunächst mit der »Freien Syrischen Armee« verbündet, ist die Gruppe heute Partner der »Front zur Befreiung der Levante« (Hay’at Tahrir al-Sham, HTS) eines Bündnisses um die Nusra Front, einer Al-Qaida-Gruppe. Die Ideologie der Rahman-Legion basiert ebenfalls auf dem Salafismus mit dem Ziel, einen Islamischen Staat in Syrien zu errichten. Vor wenigen Tagen erschien auf EMN-News ein Werbefilm der Gruppe mit der Ansage, jeden zu ermorden, der versuche in die östliche Ghuta zu kommen. Zu sehen sind Scharfschützen, die Soldaten und einfache Leute ermorden, die sich jenseits der Frontlinie in Damaskus befinden. Die Organisation verfügt auch über Anti-Panzer Raketen TOW aus den USA.

Die »Islamische Bewegung der Freien Männer der Levante« (Ahrar al-Sham) hat sich kürzlich mit einer anderen islamistischen Gruppe zusammengeschlossen, die sich nach einem Herrscher der türkischen Zengiden (12. Jahrhundert) »Nour al Din al Zenki« nennt. Die durch den Zusammenschluss entstandene »Syrische Befreiungsfront« will die »syrische Revolution« verteidigen, um einen »Islamischen Staat« zu errichten. Beide Gruppen haben Hinrichtungen nach Scharia-Urteilen vorgenommen. »Nour al Din al Zenki« schnitt einem 15-jährigen Jungen vor laufender Kamera die Kehle durch.

Alle Gruppen operieren auch in Idlib und im Umland von Aleppo, wo sie sich untereinander teils blutige Machtkämpfe liefern. Alle werden seit 2011 mit Geld, Waffen und Logistik von den Golfstaaten und der Türkei unterstützt, mit Wissen und Billigung der USA und ihrer Partner. Zusammen bilden sie ein Heer von mehreren Tausend Gotteskriegern in der östlichen Ghuta.

Wiederholte Verhandlungen über den Abzug der Kämpfer blieben erfolglos. Ein im Sommer 2017 vereinbarter Waffenstillstand und die Einstufung der östlichen Ghuta als »Deeskalationsgebiet« scheiterten, nachdem von den oben genannten Gruppen im September und im Dezember zwei schwere Anschläge auf die syrischen Streitkräfte mit weit über 100 Toten verübt worden waren. Hunderte syrische Soldaten, Regierungsbeamte und deren Angehörige werden als Geiseln gehalten. In den vergangenen sieben Wochen wurden aus der östlichen Ghuta mehr als 1500 Granaten und Raketen auf Wohnviertel in Damaskus gefeuert. Dutzende Menschen starben, Hunderte wurden verletzt.

Die Türkei, westliche und Golfstaaten haben seit 2011 den bewaffneten Aufstand in den östlichen Vororten von Damaskus unterstützt. Bei einem Putschversuch im Sommer 2012 drangen Kampfverbände weit ins Zentrum von Damaskus ein, wurden aber zurückgedrängt. Das Ziel war ursprünglich, die Aufständischen aus der östlichen Ghuta nach Damaskus einmarschieren zu lassen, um die Regierung zu stürzen. Heute kontrollieren die Kampfgruppen noch ein Gebiet von rund 100 Quadratkilometern. Das gesamte Gebiet von Damaskus und Umland (Rif) umfasst 18 000 Quadratkilometer.

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